
Würde Soloalbum 2013 spielen, sähe Nadja, die, streicht man das D, „Naja“ heißen würde, vielleicht so aus …
Benjamin von Stuckrad-Barres Debütroman Soloalbum gehört zu den besten Büchern, die je über die Leiden der Liebe geschrieben wurden. Sein Protagonist, er, so denke ich, selbst also, war eine Art Werther des ausklingenden zwanzigsten Jahrhunderts.
„Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.“ Dieses Zitat könnte man so stehen lassen. Es passt. Obwohl es über zweihundert Jahre alt ist, von Goethe stammt, und sich um dessen Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ dreht. Als Soloalbum vor genau fünfzehn Jahren raus kam, waren die Literaturkritiker alles andere als begeistert. Der Spiegel schrieb: „Eine Geschichte, die durch Oberflächlichkeit und Nicht-Reflexion auffällt, eine statische Geschichte, ohne Handlung, in der Stuckrad-Barre seine Ideologie des Geschmacks ausbreitet.“
Aber was wissen Kritiker schon? Seine Leser dagegen, mich eingeschlossen, wussten mehr. Wir spürten, dass Benjamin sein Debüt direkt aus seinem Herzen in die Tastatur gekotzt hat. Wir litten mit ihm, auch und gerade, weil uns die Leiden der Liebe, die Stuckrad-Barre so treffend beschrieb, unheimlich bekannt vorkamen.
Hier nun die fünfzig besten Liebeszitate aus Soloalbum in chronologischer Reihenfolge. Ich finde mich in jedem einzelnen wieder …
1. So gerne würde ich die Liebe, die ich jetzt erst spüre, die sich jetzt erst freizusetzen scheint (im Moment der Ballabgabe quasi, wie bei der Abseitsregel), diese nie gekannte Zuneigung und Verbundenheit noch einmal beweisen dürfen, aber ich darf SIE ja nicht mal mehr sehen.
2. Es hat keinen Zweck, das merke ich, und das stachelt meinen Ehrgeiz an.
3. Sie war es, das war es.
4. Ich fühle mich schlecht wie lange nicht und merke, aha: wie immer schon.
5. Die allerbesten Freunde gehören diesem Kreis, dieser Clique, diesem Kompost ohnehin nicht an. Die sind anderweitig vertäut oder im besten Fall ebenfalls gestörte Einzelkämpfer, was jetzt natürlich viel heroischer und glamouröser klingt, als es ist.
6. Gespräche darüber sind oft in Ordnung, manchmal nützen sie sogar, aber wenn man sich später ihrer erinnert, wird einem manches bis alles allzu peinlich. Man verhält sich ja doch nur blödlangweilig wie alle begossenen Pudel. Man will sich sogar umbringen. Das ist normal. Aber das sollte man doch besser für sich behalten.
7. Heute habe ich dann also diese beschissene Gallseife gekauft, wahrscheinlich dachte ich ernsthaft, somit würden aber mal flugs Struktur, Ordnung und heile Welt Einzug halten. Solches geschieht nicht.
8. Ich benehme mich wie ein 12-Jähriger. Nur nicht ganz so cool.
9. Ich glaube, sie machen Witze über mich. Ich hoffe, keine guten.
10. Natürlich ist unsere Beziehung nun nicht zum ersten Mal zu Ende. Aber wohl zum letzten Mal, das spürt man ja.
11. Ich will es mir gut gehen lassen. Ich hoffe, das merkt keiner.
12. Wir haben seit drei Wochen nichts mehr voneinander gehört. Ich habe durchgehalten. Was mache ich zu ihrem Geburtstag? Wie ärgerlich, dass nicht ich zuerst Geburtstag habe, so muss ich mich also nun irgendwie verhalten, und wie ich es auch mache, es sieht unsouverän aus, auch das Ignorieren.
13. Der Bus stinkt, die Luft ist feucht, die Fenster beschlagen, Kinder malen mit den Fingern verunglückte Figuren und schreiben, wer nun alles doof ist. Würde ich da mal anfangen mitzuschreiben, da würde der Bus gar nicht ausreichen. Obwohl es ein Gelenkbus ist, ein sehr langer.
14. Jetzt kann ich nicht schlafen und finde doch nur mal wieder die Welt und alles verkommen. Weil es jetzt auch egal ist, rufe ich bei Katharina an, und sie ist sofort dran, und dann wird geschwiegen. Es gibt nichts mehr zu sagen. Ich gehe ins Badezimmer und versuche zu kotzen.
15. Sie hat mich in der Hand, das ist unwürdig, es wird alles nichts, das ist klar, also IHR ist das klar.
16. War das nun die Frau, um die es geht? Dieses Monster?
17. Immerhin bin ich am nächsten Tag vernünftig genug, dieses neuerliche Unterwandern aller noch verbliebenen Stolzbarrieren nicht abzuschicken.
18. Manchmal könnte man jedes Wurstgesicht einzeln zerhacken.
19. Wenn man das D in der Mitte weglässt, heißt sie Naja.
20. Man muss doch gar nicht rätseln, was das bedeutet.
21. Jedenfalls war’s das dann wirklich, noch mal für alle und eben auch – mich.
22. Ich rufe sie nicht mehr an, ich schreibe ihr nicht mehr, auch keine Briefe, die ich dann nicht abschicke (und also an mich selbst schreibe), ich unternehme einfach NICHTS mehr in ihre Richtung. Ich kann mir nicht mein ganzes Leben umkrempeln und versauen lassen von dieser Frau. Es geht jetzt ein halbes Jahr oder wasweißich wie lange schon so. Sie denkt nicht daran, zurückzukommen, und wenn sie sich mal wieder meldet und fatale Signale sendet, völlig verantwortungslos, dann hat mir das fürderhin egal zu sein.
23. Und wenn sie dann ankommt. Dann. Dann werde ich sie, seien wir ruhig ehrlich, natürlich in die Arme nehmen. Aber das ist jetzt egal, das darf ich nicht mehr hoffen, das darf nur noch passieren.
24. Sie ist weg. Wegwegweg. Wenn ich blöd wäre, würde ich jetzt ein deutsches HipHop-Lied schreiben. Aber ich bin klug und gehe mich betrinken.
25. Ich würde ihr gerne das Mikrophon in die Fresse schieben, ganz tief rein, Zähne, die das verhindern oder bestrafen könnten, sind nicht zu sehen.
26. Ich finde, entweder 3 Bier und mehr oder kein Bier, sonst ist Bier sinnlos.
27. Mein Leben wird immer leiser, immer weniger, immer dunkler; mir gefällt das aber, es wird nicht in einem kitschigen Selbstmordversuch enden oder so, das ist nicht nötig, es ist nur einfach alles nicht so, wie ich mir einmal das Leben, die Liebe vorgestellt hatte, aber das macht ja weiter nichts.
28. Hinter dem Endbetrag steht ein S. Das heißt nicht Scheiße, sondern Soll. Das wiederum heißt aber Scheiße.
29. Ich sehe das schmutzige Geschirr, den Berg, ich gucke ihn an, stundenlang, vom Sofa aus.
30. Wie langweilig man samt Leben eigentlich ist, merkt man ja erst, wenn man an Orte geht, wo lauter Menschen sind, die so ähnlich Leben wie man selbst.
31. Sie heißt zwar Simone, aber das macht ja weiter nichts.
32. Dann nachts zum extra geöffneten Tower Recors. Mit der Platte ins Hotel, leichte Enttäuschung, aber Taumel trotzdem, einfach verordnet.
33. Ich denke, ich bleibe eine Woche, das reicht. Dann liebt sie mich wieder.
34. In letzter Sekunde werde ich plötzlich vernünftig, konsequent.
35. Ich konnte ja nicht ALLES verbrennen, dann wäre ja die Feuerwehr gekommen.
36. Die Platten und Bücher sind das einzige von Wert.
37. Faszinierend am Umziehen in eine anderen Stadt ist die schier unendliche Zahl möglicher verhängnisvoller Fehler.
38. Da kommt die Vernunft zurück. Wenn die wüsste.
39. Ich frage mich, wie man überhaupt Menschen kennen lernt. Das ist mir völlig rätselhaft.
40. Meine Flirtversuche sind von einer so staatstragenden Verquastheit, dass es gar nichts werden kann. Es wird auch gar nichts.
41. Dann schwimme ich ein bisschen und gucke junge Mädchen an. Vielleicht geht Sommer so.
42. Die Frauen achten so verbissen darauf, SINNLICH auszusehen, dass man umkippt vor Schadenfreude.
43. Ich klaue die Blur-Platte, die kann man gut verschenken. Vielleicht treffe ich ja eine Frau, eine tolle Frau, die die nur auf Kassette hat. Frauen, die Blur noch nicht einmal auf Kassette haben, sind keine tollen Frauen.
44. Manche Frauen sehen sofort ganz und gar phantastisch aus, wenn sie einfach so mit einer Bierflasche und Zigarette rumstehen.
45. Ich glaube, mein Mund steht offen, sie redet so ganz toll und raucht dann leicht von sich weg, zuckt so zur Seite, guckt dabei aber weiter ihren Gesprächspartner an, das ist der Supersex, finde ich.
46. Ich glaube, Frauen mit großen Brüsten klingen oft müde, vielleicht, weil die Brüste so schwer sind.
47. Wenn man nur noch Dingen und Zeit nachtrauert (verloren beides), dann war das alles nichts.
48. Ich kann weiter pissen als die Hunde.
49. Ich könnte großes Hallo ernten, wenn ich jetzt und vor Publikum einen Kontoauszug ziehen und laut vorlesen würde.
50. Es ist mal wieder Zeit, umzufallen bei einem Konzert.
Das komplette Buch könnt Ihr hier kaufen: http://www.amazon.de/Soloalbum-Roman-Benjamin-v-Stuckrad-Barre/dp/3462034960
Ich klau dir mal den ersten Satz gleich, passt gerade wieder… wie schon so oft du altes Orakel
Geschrieben von Miles | 1. März 2013, 13:09
Geschrieben von Oliver Flesch | 1. März 2013, 13:10Die 38 ist auch der absolute burner…
Geschrieben von Peggy Heidan | 1. März 2013, 20:16Sind ein paar richtig gute dabei.
Der Arme kann einem Leid tun, aber wer kennt das nicht, Liebeskummer.
Aber zu glauben, dass es nur eine Frau gibt, mit der es einem gut gehen kann ist eine der Katastrophen, die ein Mann unbedingt lernen muss zu vermeiden. Solange er das noch glaubt, hängt er eigentlich seiner Mutter nach, ihrer Liebe. Und leider tun wir das viel zu oft, egal wie falsch und überfordernd diese Liebe war, und geraten darum immer wieder gern an Frauen, die genau so eine Liebe für uns in ihre Handtasche dabei hat. Weil wir Mutti, wenn es nicht zu krass war und wir deswegen schwul geworden sind, alles verziehen haben. Am Arsch. Ich vergebe ihr, klar, kein Thema, ich weiss ja jetzt, welche Schraube bei ihr locker war, aber deswegen muss ich jetzt nicht auch noch den Rest meines Lebens da weiter machen, wo sie aufgehört hat. 10 Jahre habe ich nach ihrem Tod unbewusst um sie getrauert, und wozu, um dann jemand wie R. kennen zu lernen? Ne, danke, für keine Möse der Welt mach’ ich das noch mal mit. Das macht nie wieder eine mit mir, und wär’ sie keine Frau, ich würde ihr dafür eine scheuern. Mit der flachen Hand, voll auf die Backe, angepasst an ihr Gewicht. Schon W. hat es nicht mehr geschafft, mich bis auf’s Blut zu reizen, damit ich sie verprügle, so wie ihr Vater. Und das sie das ausgerechnet mit mir machen, gemacht haben, obwohl es für mich nichts schlimmeres gibt als jemand anderem weh zu tun grenzt schon an Vergewaltigung.
Oder nein, ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich bin von all diesen Frauen einschliesslich meiner Mutter und auch meiner Oma emotional vergewaltigt worden. Da, wo es einem Mann am meisten weh tut, im Herz. Ja, und jetzt wo ich es so deutlich für mich ausspreche spüre ich auch, woher mein Zorn kommt, mein ungeheuerlicher Vorwurf, den ich immer noch manchmal in dem Augen trage, und mit dem ich jede wegputze und vernichte die meint, sie müsse sich an mir für irgendetwas Rächen, was ich nicht getan habe. Ich bin so froh, dass ich das jetzt alles weiß, obwohl ich manchmal immer noch fürchterlich Angst davor habe, dass es keine anderen gibt. Denn ich wär’ kein Mensch, wenn ich nicht auch geliebt werden wollte. Aber es gibt auch noch andere Wege, sich geliebt zu fühlen, und wenn es “nur” durch Gott ist, denn der kuschelt halt nicht mir mir, und bläst mir auch keinen, aber dafür kann er mir alles andere geben, wenn nötig, und wenn es sein muss sogar die ganze Welt. Aber er weiss, dass ich von all dem fast nichts brauche, und darum ist er stolz auf mich. Wenn er mich auf der Straße Singen hört und Tanzen sieht, dann hat er Tränen der Freude in den Augen, denn er kennt mich wie kein anderer. Er weiß wie schwer mir das fällt, einfach nur zu vertrauen, und das ist das einzige, was ich noch lernen muss. Ihm noch mehr zu vertrauen.
Warum Gott für mich ein Mann ist? Ganz einfach. Weil es mir dann leichter fällt, mit ihm in Kontakt zu treten, auch wenn er natürlich alles ist, auch jede Frau und jeder Stein und jedes alles. Über so einen Schwachsinn braucht man mit mir nicht zu Diskutieren. Wenn doch sogar jeder Regenwurm weiß, dass Gott ein Regenwurm ist. Amen.
Geschrieben von tacatacataca | 11. Mai 2013, 14:00