
Teil I:
http://oliver-flesch.com/2013/02/02/nashville/
Teil II:
http://oliver-flesch.com/2013/02/03/nashville-2/
Kein Wunder: Ein weißer Fahrer, ein schwarzer Beifahrer, eine schwarze Hure auf der Rückbank, im Mietwagen, in dieser Gegend, wenn der nicht ahnt, dass ich mir Drogen beschaffen will, sollte er seinen Job wechseln.
Er fährt weiter. Glück gehabt. Eine Polizeiaktion wäre mir auch zuviel gewesen.
„So, hier sind wir, Bruder.“
Ich drehe noch eine Runde, parke den Wagen vorsichtshalber eine Straße weiter.
Das Haus ist in fahles Straßenlaternenlicht getaucht, es wirkt düster, bedrohlich, aber auch irgendwie künstlich, fast kulissenhaft, wie einem Wes Craven-Horrorfilm entsprungen. Wir müssen durch ein eingeschlagenes Fenster klettern, die Haustür scheint schon vor langer Zeit mit Holzbrettern vernagelt worden zu sein.
Ein ekliger Gestank dringt mit voller Wucht in meine Nase; eine Mischung aus uraltem Urin, Kot und sonstigen undefinierbaren Leckereien. Der Magic Man bittet mich vorsichtig zu sein, beim Gehen immer auf den Boden zu schauen, ein guter Tipp, die Dielen sind an manchen Stellen raus gebrochen.
Das ist also ein Crackhaus.
„Es ist nicht das Hilton, zugegeben, aber hier bekommst du was du brauchst“.
Fertige Gestalten wanken durch den Flur und die abgehenden Räume. Im ersten Zimmer streitet sich ein schwarzes Pärchen um den letzten Sog aus einer Crackpfeife. Mein letzter Drink ist eine Stunde her, der immer unerträglicher werdende Gestank lässt mich nun vollends nüchtern werden. Liegt wohl an dem fetten Scheißhaufen in der Ecke. Der Boden ist komplett mit Essensresten, Pizzapackungen, gebrauchten Kondomen, blutigen Taschentüchern und Fixerutensilien wie Kerzenstummeln, Spritzen, und verrußten Teelöffeln übersät. Eigentlich unvorstellbar, dass hier Menschen leben. Was mache ich nur hier? Ich will schnellstmöglich raus.
Ein in mehrere Lagen Lumpen gekleideter schwarzer Typ wankt an uns vorbei und faselt dabei zusammenhangloses Zeug. Theresa fragt ihn nach einem Typ Namens Mo.
„Mo? Kenne keinen Mo. Moses kenne ich, der Typ der übers Wasser gehen konnte, aber der ist gerade nicht da.“
„Sucht ihr mich?“ dringt es aus einem Nebenraum.
Der Magic Man stößt die Tür mit dem Fuß auf.
Ein furchtbar junges schwarzes Mädchen besorgt einem weißen Freier im Businessanzug einen Blowjob. Als er mich sieht, erschrickt er kurz, doch seine Geilheit scheint größer als seine Angst verhaftet zu werden, er zwinkert mir verschwörerisch zu, dann schließt er die wieder Augen und drückt ihren Kopf fest an seine Lenden.
Hier ist was los.
Mo sitzt in einer Ecke in einem fetten abgewarztem Ledersessel und beobachtet die Szene amüsiert.
„Was braucht ihr Jungs?“
„Ein bisschen Coke für meinen Freund hier wäre gut“ antwortet Theresa.
„Kein Problem, bin gleich wieder da, ach wie viel braucht ihr denn?“
„Für Hundert Dollar“ antworte ich.
„Alles klar, Mann, kommt sofort, sonst noch was? Wie wäre es mit ein paar Rocks? Oder einer Muschi zum Mitnehmen, ja genau, wie wär’s mit einer Muschi zum Mitnehmen, Interesse, Mann?“
„Nein danke, ist nett gemeint, aber …“
„Verstehe, na, du hast ja auch schon eine, aber zwei wären auch nicht schlecht, Mann, das ist’s was du wissen musst, und ich wollt’s dir nur gesagt haben.“
Als er zurückkommt, zucken Blaulichter durchs Fenster.
„Schnell, gib mir das Geld, Mann, hier ist dein Zeug, und nun lass uns zusehen, dass wir hier rauskommen.“
Meine Angst vor dem Motorradpolizisten ist ein Scheißdreck gegen das was jetzt in mir vorgeht.
Hektisch fingere ich zwei Fünfziger aus der Hose, er wirft mir das Koks zu, rennt über den Flur zu einem offenen Fenster und klettert hinaus. Wir hinterher, es ist die Rückseite des Hauses, ein verwilderter Garten, ich habe vollkommen die Orientierung verloren.
Wir rennen in die falsche Richtung. Ein paar Meter weiter und wir wären den Cops direkt in die Arme gelaufen.
„Zurück!“ flüstert Magic, „Hinlegen! Und keinen Mucks!“
„Zurück?“, „Hinlegen?“, „und keinen Mucks“? Wo bin ich nur hineingeraten? In einen beschissenen Vietnamfilm?
Kommandos und Schreie dringen aus dem Haus. Scheiße, ich muss kacken; kann’s aber gerade noch so unterdrücken.
Nach einer guten halben Stunde ist alles wieder ruhig. Magic meint, er müsse erst mal die Lage checken und wir sollten uns nicht vom Fleck bewegen. Fünf Minuten später kommt er zurück: „Alles klar! Die Luft ist rein! Lasst uns los.“
„Die Luft ist rein“! Ich glaub das alles nicht.
Als mir wieder auf einer Hauptstraße sind, fällt alles von mir ab. Ein Lachkick überkommt mich. Bestimmt fünf Minuten lang. Total absurd das Ganze.
Theresa, die Hure, fragt, ob sie mitkommen dürfe. Wir könnten uns ein Motelzimmer nehmen, ein bisschen Spaß haben. Nett von ihr, aber völlig abwegig. Nicht, dass ich was gegen Sex mit Huren hätte, gerade auf Koks nicht, aber Theresa ist einfach nicht der Typ Frau, mit der ich mir so etwas vorstellen könnte. Vor allem nicht, solange ich noch nüchtern bin. Auf der anderen Seite tut sie mir leid. Rührend erzählt sie von ihrem 15-jährigen Sohn, sie selbst ist 28, für den sie etwas zu essen organisieren muss.
Ich könnte sie Fotografieren; Bilder einer amerikanischen Crackhure sollte ich locker über eine deutsche Agentur verkaufen können. Sie willigt ein. Für 20 Dollar könne ich mit ihr machen was ich wolle. So weit wird es nicht kommen, denke ich und lasse mich von ihr zu einem schäbigen Motel führen.
Als erstes lässt sie sich die 20 Dollar geben.
„Sei nicht böse, aber ich muss meinem Sohn erst das Geld bringen. Ich komme auch ganz schnell wieder, dauert höchstens eine halbe Stunde!“ Während sie mir diese Lüge auftischt, versucht sie übertrieben glaubwürdig zu wirken
Um sie nicht zu beschämen tu ich so als ob ich ihr glauben würde und lasse sie widerspruchslos gehen.
Morgen gibts den letzten Teil, Freunde …
Du solltest Romane schreiben, mein bester!!! ich bin gefesslt und begierig auf die Fortsezung!!! Nur an den ‘Wortdrehern’ solltest du noch arbeiten:) die fallen mir in letzter Zeit öfters auf…
Geschrieben von Royber | 10. Februar 2013, 02:52