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Mixtape

Als ich mal in Nashville war … / Teil II

Als ich mal eine Zigarette rauchte ... Foto: Evelyn Steinweg

Als ich mal eine Zigarette rauchte …
Foto: Evelyn Steinweg

Teil I: http://oliver-flesch.com/2013/02/02/nashville/

„Hier ist schon mal mein Reisepass.“
Mein deutscher Pass zaubert einen Hauch von Güte in seine harten Gesichtszüge.
„Ach, sie kommen aus Deutschland? Na ja, dann lassen sie mal gut sein, aber denken sie daran: Das hier ist nicht die Autobahn, wir hier in Amerika fahren vorsichtig, okay?“
Adolf rettet meinen Arsch! Wer hätte das gedacht? Seine Autobahn ist für die Amerikaner so eine Art Paradise Road, immer noch ein Synonym für unendliche Freiheit.
Was bin ich erleichtert.
Ach ja, wieso ich überhaupt ein Auto habe? Mal wieder Glück gehabt. Auf dem Flughafen in Nashville lernte ich einen gutmütigen Bayern kennen, der auch zu Fan Fair wollte. Ich erzählte ihm, ich hätte meinen Führerschein vergessen, fragte, ob er nicht freundlicherweise den Wagen mieten könnte. Er konnte.

Am nächsten Morgen bin ich ganz aufgeregt. Mir steht ein Tagestrip ins Walhalla des Rock ’n’ Roll bevor. Doch Graceland ist enttäuschend. Alles sehr beengt, geschmacklos eingerichtet, Elvis war halt nur ein einfacher Mann. Nur sein Flugzeug fasziniert mich, aber auch nur, weil ich gerade dieses phantastische Buch lese, „Heartbreak Hotel“, in dem so wunderbar beschrieben ist, wie seine Leibwächter, den vollbepillten King in eben diesem Flugzeug immer wieder aufwecken mussten, damit er nicht an einer eigenen Kotze erstickt.
 
Des Kommerzes der Fan Fair überdrüssig treibe mich zurück in Nashville lieber abends auf dem Broadway rum. Mit einem Hut auf dem Kopf. Ja, ich habe mir einen Hut gekauft. Hätte selbst nicht gedacht, dass ich nach Fasching 76, damals in der ersten Klasse, noch mal mit einem schwarzen Cowboyhut rum laufen würde. Ist hier aber nichts Besonderes. Und anscheinend steht mir das Ding sogar, denn auf einmal habe ich einen Haufen Blickkontakte mit wirklich hübschen Mädchen. Wahrscheinlich halten sie mich für einen Local. Oder für den Hautkrebstrottel, wer weiß das schon.

Auf dem Broadway spielen Nachwuchskünstler, Typen die es nie bis ganz nach oben geschafft oder ihre große Zeit lange hinter sich haben. Heute gebe ich mir in einem kleinen Club eine Rockabillyband. Der Leadsänger nennt sich Nick Presley. Ein ausgesprochen hübscher Typ, gerade 20, mit einer triefenden Seitenscheiteltolle, die immer nur einen Song lang hält, dann ritualartig mit einem Taschenkamm nachgezogen wird. Das sieht alles schon ziemlich lässig, ziemlich authentisch aus und klingt auch so: „Und nun kommt der verdammt noch mal coolste Song aller Zeiten – Honey Don’t von Carl Perkins!“
Recht hat er.

Der treibende Sound und sicherlich auch die vier, fünf Wodka bringen mich in Partylaune. Jetzt hätte ich gerne etwas Koks. Ja, das wäre perfekt. Würde meine eh schon gute Stimmung noch ein wenig nach oben kicken. Diese Art Gedankengang ist eine unschöne Begleiterscheinung meiner Drogensucht. Ich bin nicht mehr in der Lage so einem Moment um seiner selbst willen zu genießen. Da ist immer diese Unruhe. Wie ein Kettenraucher, der ein gutes Essen nicht genießen kann, weil er ständig an die nächste Zigarette denkt, überlege ich.
Ob man hier auch was besorgen kann? Nein, bestimmt nicht. Nicht mitten in Nashville. Oder doch? Nur wo? Von wem? Ich kann ja schlecht irgendeinen Redneck ansprechen. Weiterhelfen könnte mir wohl nur ein schwarzer Typ. Nur finde ich so jemanden bestimmt nicht hier – in einem Countryclub. Kurz umgeschaut …, nein alles Weiße, erwartungsgemäß. Also raus. Ich schlendere ein wenig den Boulevard entlang, er ist fast menschenleer, ab und an fallen ein paar Betrunkene laut krakeelend aus den Clubs, aber auch die sind alle weiß. Das nervt mich jetzt. Es muss hier doch auch Schwarze geben! Wo sind die Jungs nur wenn man sie braucht?

Dann soll es wohl nicht sein. Ist ja auch nicht so schlimm, obwohl …, ach was, scheiß drauf! Ich sollte wieder rein gehen, ein bisschen gute Musik hören, noch etwas trinken und versuchen ein Mädchen kennen zu lernen, was kein Problem sein dürfte, schließlich habe ich den magischen Hut auf. Doch Moment! Der Typ da am Ende der Straße, das könnte einer sein. Seinen Körper, seine Kleidung erkenne ich genau, nur sein Gesicht nicht, was ein gutes Zeichen ist. Er kommt näher, und tatsächlich: Der schwärzeste Typ, den ich je gesehen habe, ist nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Ob der mir weiterhelfen kann? Den Klamotten nach zu urteilen, wäre das nicht unwahrscheinlich. Und was habe ich zu verlieren? Ich dürfte ihn natürlich nicht direkt drauf ansprechen, müsste mir einen irgendeinen Code einfallen lassen. Und vor allem erst mal Blickkontakt suchen, bevor er an mir vorbeigeht. Noch vier, drei, zwei Meter, ich schaue ihm bestimmt in die Augen und nicke ihm freundlich zu.

„Was ist los, Cowboy?“ sagt er, während er an einem Styroporbecher schlürft und vor mir stehen bleibt. Frischer Kaffeegeruch dringt in meine Nase.
„Nicht viel, was geht bei dir ab?“
„Alles was du willst, alles was du brauchst, Mann, nicht umsonst nennt man mich hier den Magic Man!“
Volltreffer. Wer so ausschaut, sich so nennt, oder genannt wird, muss mit Drogen zu tun haben, wie ein professioneller Zauberkünstler sieht der mir nämlich nicht aus. Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie ich mein Anliegen am besten, am unauffälligsten rüberbringe. Gut, dass ich betrunken bin, dann bilde ich mir immer ein, so richtig gut Englisch sprechen zu können und sabble einfach drauf los: „Magic Man? Das klingt interessant. Ja weißt du, ich bin ein wenig müde, habe aber noch keine Lust ins Bett zu gehen, falls du also eine Idee hättest, wie ich meinen Abend noch ein wenig verlängern könnte, wäre ich dir sehr dankbar.“
„Ahhh, ich verstehe, ich verstehe, alles klar.“ Während er dies sagt, streicht er mit seinem Zeigefinger über seine Nasenlöcher, macht dabei ein ordinäres Schnupfgeräusch und zwinkert mir zu. Er scheint verstanden zu haben.
„Und? Kannst du mir helfen?“
„Ob ich dir helfen kann? Ob ich dir helfen kann? Eine Frage Cowboy: Wenn ich dir noch nicht einmal bei so einer Sache helfen könnte, meinst du – und jetzt überlege genau was du sagst – meinst du wirklich, dass mich dann noch irgendein Arschloch den Magic Man nennen würde?“
„Auf keinen Fall.“
„Richtig. Auf keinen Fall, ohne Zweifel, ohne Zweifel, Cowboy, merk dir Mann: Wenn der Magic Man dir nicht helfen kann, ist dir überhaupt nicht mehr zu helfen, hast du ein Auto?“
„Klar.“
„Na dann los.“

Im Autoradio singt Otis Redding seine soulige Fassung von Sam Cookes Wonderful World. Ich singe ich paar Zeilen mit, der Magic Man stimmt ein bis er plötzlich mitten in Wort History abbricht.
„Einen Moment, einen Moment, was ist hier eigentlich los? Du magst Otis? Du kennst Otis? Damit hätte ich ja nun gar nicht gerechnet!“
„Sicher mag ich ihn, und viele von den anderen alten Jungs auch.“
„Eine Sekunde Mann, von welchen alten Jungs sprichst du überhaupt?“
„Na, Sam Cooke zum Beispiel, Ben E. King, Gene Chandler, die alten Jungs halt, du weißt schon, die alten Jungs“
„Gene Chandler, Bruder! Der Duke of Earl! Gib mir fünf auf den Duke, aber sofort! Und nimm den Hut ab.“
„Wie bitte?“
„Dein Hut, Mann, dein Hut. Wir können hier nicht in deinem Auto sitzen, Otis hören, über den Duke sprechen, und du trägst dabei einen Cowboyhut, Bruder, das geht einfach nicht. Otis ist tot, wir sollten ihm ein wenig Respekt zollen, verstehst du?“

Nachdem ich meinen Hut auf die Rückbank gelegt habe – was sich als kapitaler Fehler herausstellen sollte – sagt er mir, wir müssen vorher noch seine Schwester abholen, die was Coke angeht, die besseren Connections hat und hier ganz in der Nähe arbeitet. Nach gut zehn Minuten halten wir an einer ziemlich belebten Straßenkreuzung.
„Ah, das ist sie ja schon.“
„Wo?“
„Na, da, machst du jetzt auf Ray Charles los, oder was? DA steht sie doch! Genau da drüben, Mann!“
Eine Hure. Warum auch nicht. Sie begrüßt mich mit der gespielten Freundlichkeit, die Huren für potentielle Freier übrig haben.

Die Gegend wird immer Ghettoartiger, auf deprimierende Mietskasernen, folgen abbruchreife Einzelhäuser. Ein Polizeiwagen kommt uns im Schritttempo entgegen, auf Höhe meines Fensters, beäugt er mich misstrauisch.

Teil III folgt nächsten Samstag, Freunde …

Diskussionen

4 Antworten zu “Als ich mal in Nashville war … / Teil II”

  1. Wenn du schreibst hör ich Otis Redding singen einfach genial :-)

    Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 2. Februar 2013, 14:30
  2. Olli! Olli! Eine Falle! Eine Falle!

    Geschrieben von waldmonster | 3. Februar 2013, 12:20
  3. das geht doch nicht gut .. entweder die ziehen dich völlig ab. und als leicht angetrunkener ist man leichte Beute.. oder du hast unfassbar großes Glück. eine Nutte mit guter Coke-Connece kennt wohl nur einer der sich Magic Man nennt.
    Du schreibst genial !

    Geschrieben von Kranz Kafka | 3. Februar 2013, 18:01

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