Als ich mal in Nashville war … Moment, wie kam ich da überhaupt hin? Los Angeles, klar, New York, sicher, aber Nashville? Lasst mich mal überlegen … Ach ja, das kam so: Ich schrieb damals für die Hamburger Morgenpost. Ressort: Party. Ein Ressort, das nicht so wirklich ernst genommen wird. Also nahm ich es auch nicht ernst. Den Pressekodex, also Ethik und Moral, gab es für mich nicht. Ich nahm mit, was ich bekommen konnte: Drogen, Klamotten, Konzertkarten, Bücher und natürlich CDs.
Kleine Rückschau:
So einmal im Monat machte ich meine Plattenfirmen-Runde. Ein persönlicher Besuch bringt immer mehr, als ein Anruf. Ist allerdings auch mit Risiken verbunden: „Olli, gut das du da bist! Du, ich hab da ein ganz besonderes Produkt für dich! Grad rein gekommen, brandneu also, und unter uns: Das biete ich nicht jedem an! Ist bei uns noch nicht so wirklich bekannt, ein echter Geheimtipp sozusagen, läuft aber in Chile und in Südafrika bereits wie geschnitten Brot, meinst du, du kannst da was machen?“
Jetzt wird’s gefährlich; sage ich ja, oder auch nur vielleicht, habe ich nicht nur die CD (die mir noch nicht einmal ein Secondhändler abnehmen wird), sondern auch noch ein Telefon-Interview, einen so genannter „Pfoner“ (PR-Menschen in Plattenfirmen lieben Anglizismen, oder das, was sie dafür halten) an der Backe.
Im schlechtesten Fall ist der Künstler dann auch noch persönlich in der Stadt: „Olli, reicht dir ‘ne halbe Stunde? Kannst auch ‘ne Stunde haben. Meine Timeline ist noch blanco, hab dich natürlich als ersten gefragt, ist doch klar. Ach ja, und eines noch: Der Artist ist farbiger, jüdischer Moslem, tragischerweise an Aids erkrankt, sitzt im Rollstuhl und war bis Ende letzten Jahres eine Frau, aber bitte: keine privaten Fragen! Spare bitte alles was mit Religion, Behinderung oder Sex zu tun hat, aus, aber Hey: Was soll der dir darüber auch erzählen? Der lässt seine Musik, seine Kunst, für sich sprechen, ansonsten ist der völlig uninteressant.“
So etwas kann passieren. Dafür gehe ich auch meist nicht unter zehn CDs raus. Denn ich nehme alles. Was ich nicht brauche, tausche ich in Ingos Plattenkiste in der Grindelallee gegen meine Lieblingsmusik, oder ich lasse mir die acht Mark pro CD auszahlen, wenn’s mal knapp ist.
Mein neuster Fang: Eine Reise zur „Country Music Fain Fair“ nach Nashville. Alles inklusive – danke Marlboro! Sogar ein Leihwagen ist mit drin. Dummerweise musste ich gerade für ein Jahr meinen Führerschein abgeben. Hatte 21 Punkte. Geht gar nicht? Doch. Hab 18 und 4 gespielt! Erst 17, dann noch mal vier, für „Fahren ohne Schein“. Amerika ohne Auto, ist wie Italien ohne Roller. Na, vielleicht ergibt sich etwas.
Die Fan Fair ist eine Mischung aus Musikfestival und Messe. Eine Woche lang singen die großen Sterne der amerikanischen Volksmusik in einem Stadion. In den Hallen auf dem angeschlossenen Messegelände haben alle Künstler einen Stand, an dem man mit ihnen in Kontakt treten kann. Für Liebhaber dieser Musik eine phantastische Sache.
Sogar Elvis hat einen eigenen Stand. Moment: Elvis? Was macht der denn hier? Ist also doch nicht tot, der Gute. Fuck, ich bekomm auch nichts mehr mit! Da der King aus bekannten Gründen verhindert ist, müssen Scotty Moore und DJ Fontana aushelfen. Was für einen alten Elvis-Mann wie mich auch schon eine ziemlich tolle Sache ist. Die beiden waren in den ganz frühen Tagen Elvis’ Begleitmusiker.
In einer Stunde sollen die beiden kommen. Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit in der Konzertarena. Neil McCoy schluchzt gerade sein wehmütiges „No Doubt About It“ als mir ein Reporter ein Mikrofon unter die Nase hält. Er spricht schnell, viel zu schnell für mich, und wie früher Wigald Boning in „RTL-Samstag Nacht“ hält er mir das Mikro ohne meine Antwort abzuwarten, immer nur für einen Sekundenbruchteil hin.
„Schicker Sonnenbrand!“
„Äh, wie bit…?“
„Schicker Sonnenbrand!“
„Ja, wissen sie, ich komme aus Deutschland und mein Englisch ist nicht so wirklich …“
„Interessant. Schon mal was von Hautkrebs gehört, Mann?“
Und schon ist er wieder weg. Hab ich wirklich einen so starken Sonnenbrand? Als er mich ansprach, wurde ich puterrot, was seinen Eindruck wohl noch verstärkte. Für wen die Aufnahmen wohl sind? Zum Glück werde ich es nie erfahren, geschweige denn sehen, allein der Gedanke daran, lässt mich beschämen.
Als ich mich als Reporter aus Deutschland zu erkennen gebe, nehmen sich die beiden Elvismänner eine Menge Zeit. Was gut ist, denn ich will alles wissen.
„Ich wollte mir damals eigentlich nur Geld fürs Mittagessen zusammenspielen“, erinnert sich Scotty trocken in einer klimatisierten Limousine auf dem Parkplatz vor der Fair.
Moore ist kein großer Redner, Interviews mag er nicht. Aber er spielt mit, weil er weiß, es geht um seine zweite und vor allem um seine letzte Karriere. Er hat gerade ein frisches Album draußen – All The King’s Men – das erste seit über 30 Jahren.
„Ich glaube, wir begriffen damals gar nicht, dass wir einen neuen Stil erfunden hatten. Wir hörten Songs im Radio und spielten sie auf unsere Art nach. Wir jamten in meinem Wohnzimmer. Und Elvis schien jeden gottverdammten Song zu kennen – Country, Pop, Rhythm & Blues, egal. Aber seine Stimme haute mich damals nicht um, er war einfach noch zu jung.“
Beim abschließenden Händedruck fällt mir noch ein, dass Moore Elvis in jungen Jahren mit Marihuana versorgt haben soll. Stimmt das?
„Schwachsinn, ich habe noch nie Drogen genommen. Und wenn Elvis in unserer gemeinsamen Zeit welche nahm, hat er das gut versteckt. Doch als er in den Siebzigern so fett wurde, wusste ich, dass irgendwas nicht stimmte. Seine Selbstverliebtheit hätte so etwas nie zugelassen.“
„Weißt du“, sagt er und lächelt noch einmal genauso entrückt wie früher auf der Bühne, „der King war einfach viel zu eitel um in Würde zu altern.“
Informationen über einen Menschen, den ich schon so lange verehre aus erster Hand zu bekommen, gibt mir ein prächtiges Hochgefühl. Was allerdings nicht lang anhält. Denn zurück in der Arena, sehe ich meine bescheuerte Fresse auf einer Videoleinwand, groß wie die Front eines Einfamilienhauses! Mein Gestotter ist unerträglich, muss hier schnellstens weg. Habe das Gefühl, jeder, wirklich jeder, guckt mich an und denkt: „Ach, das ist doch der erbarmungswürdige Trottel mit dem Hautkrebs.“
Auf dem Weg ins Motel bremst mich ein Motorrad-Cop aus. Auch das noch. Was will der? Was habe ich falsch gemacht? Bin mir keiner Schuld bewusst. Hab aber die Hosen voll, so ganz ohne Fahrerlaubnis, und dann noch in Amerika, sehe mich schon in einer Einzelzelle. Und auf dem Rückflug. Er kommt auf mich zu. Ein Berg von einem schwarzen Mann. Bestimmt 1.90 Groß, sein 45 cm-Bizeps droht sein kurzärmliges Hemd zu sprengen. Mit hoher Stimme, die so gar nicht zu seinem Äußeren passt, fragt er: „Wissen was das da hinten ist, Sir?“
„Ein Stoppschild?“ antworte ich ängstlich, fast devot.
„Richtig! Und was macht man da?“
„Stoppen?“
„Sir, wo sie das schon so genau wissen – warum haben sie es denn nicht getan? Führerschein und Zulassung bitte.“
Äußerlich cool, innerlich zitternd, öffne ich den Kofferraum und murmle irgendwas wie, „hier müsste er doch irgendwo sein.“ Natürlich finde ich ihn nicht, Flensburg ist weit weg.
Teil II folgt morgen, Freunde …

Bravo! Standing ovations.
Geschrieben von Monika | 2. Februar 2013, 10:17Ich danke dir, Monika. Kommen noch 3 weiterer Teile.
Geschrieben von Oliver Flesch | 2. Februar 2013, 10:51“…antworte ich ängstlich, fast devot.” Geiler Vergleich, gefällt mir ausserordentlich gut
Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 2. Februar 2013, 14:10♥♥♥
Geschrieben von Oliver Flesch | 2. Februar 2013, 14:21class.
Geschrieben von whostheman? | 2. Februar 2013, 23:24