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Drogen, Kurzgeschichte

Fast wie eine Klassenreise / Letzter Teil

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„… Es gibt im ganzen Haus kein einziges Glas Nutella. Dementsprechend kann es bei uns auch keine Zellophanabdeckung eines solchen Glases geben. So gehts schon mal los. Ich meine, es wäre schon schön, wenn es diesen leckeren Brotaufstrich gäbe, aber es gibt ihn nun mal nicht, zumindest nicht hier im Haus – ist wohl eine Geldfrage – was wir hier allerdings haben, ist Nusspli, und ja, auch Nusspli hat diese Art Zellophanabdeckung, ich gehe also davon aus, dass es hier eine kleine Verwechslung seitens Marina gegeben hat, die allerdings nicht weiter ins Gewicht fällt, da ich auf etwas anderes hinaus will …, Gero gib mir bitte mal ‘ne Kippe.“
Mein Freund gibt mir mit einem Streichholz Feuer. Schwefel dringt in meine Nase, lässt mich niesen.
„Entschuldigung. Also Marina, ich bestreite ja gar nicht, dass das Finden einer Zellophanabdeckung eines Nutella-, entschuldige, eines Nuss Pli-Glases, im Schweineimer eine schlimme Sache, ja, eine wirklich schlimme Sache ist, über die wir keinesfalls so einfach hinwegsehen sollten, aber meinst du nicht …, meinst du nicht, das hätte bis Morgen früh gereicht? Morgen früh, nach dem Frühstück, wo wir sowieso alle beieinander sitzen?“

Ich blicke in die Runde, meine drei Kumpels grinsen schon mal prophylaktisch breit, weil sie ahnen, da kommt noch was. Manche bekunden stumm nickend ihre Zustimmung, andere haben ihr Das-geht-mich-alles-nichts-an-Gesicht aufgelegt – das bei den Meisten von ihnen, und das ist das Traurige, auch nie wieder verschwinden wird, Bettina kaut – wie immer – hektisch an ihren Fingernägeln, und Marina schaut mich aus Hass erfüllten Augen an. Sie öffnet den Mund, will etwas erwidern, doch ich schlage sie mit ihrer eigenen Waffe – Disziplin. Die sie hier im Haus zweifelsohne hat, wie nicht nur das Beispiel mit dem Schweineeimer zeigt. Tragischerweise sind die Süchtigen, die sich in Entzugseinrichtungen am meisten anpassen, ohne zu hinterfragen streng diszipliniert Regeln und dem vorgeschriebenen Tagesablauf folgen, die Ersten, die draußen nicht klar kommen. Da sagt ihnen nämlich niemand mehr, was sie zu tun und zu lassen haben, und der Rückfall ist vorprogrammiert.

„Moment Marina, du hast dich nicht gemeldet, bist demnach nicht dran, und wir wollen hier doch nicht die Regeln brechen, oder? Das würde nämlich Anarchie bedeuten, und wenn wir die hätten, wäre es auch egal, was im Schweinereimer ist, und was nicht.“
Ich inhaliere einen kräftigen Zug, drücke die Zigarette aus und schaue Marina direkt in die Augen.
„Was ich aber eigentlich sagen will, ist, dass es doch sein könnte, dass einige von uns, eben, als du die Glocke läutetest mit etwas Wichtigem, etwas Wichtigerem beschäftigt waren … Nimm mich zum Beispiel … Ich habe es mir gerade selbst gemacht, ja, und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich war sogar gerade ganz kurz vor dem Kommen, als du die Glocke geläutet hast …“

Ungläubige und grinsende Gesichter in der Runde. Das hat er doch jetzt nicht wirklich gesagt, das mit dem Selbstmachen, und auch noch zu einer Lesbe, also nein, also wirklich …, lese ich in ihnen.
„Wenn ich also die Wahl gehabt hätte, zwischen abspritzen und einer zugegebenermaßen interessanten Schweineeimerdiskussion, wüsste ich, für was ich mich entschieden hätte. Und ich glaube, einigen anderen, ergeht es ähnlich …“

Marinas Gesichtszüge entgleiten, Tränen der Wut fließen aus ihren verzweifelten Augen, sie steht auf und sagt: „Mir reicht’s, ihr könnt mich alle Mal!“
Denkt sie. Aber ich bin noch nicht ganz fertig: „Marina, eine Sache noch …“
Sie bleibt stehen, dreht sich zu mir um, und versucht tapfer ihre Fassung wieder zu gewinnen.
„Da du ja siehst, dass ich mit meiner Meinung nicht ganz allein dastehe, habe ich noch eine kleine Bitte für die Zukunft – wenn du das nächste Mal in Versuchung kommst, die Glocke zu läuten, gehe noch einmal in Dich, und überlege genau, ob es in diesem Moment wirklich nötig ist. Das ist nett, vielen Dank. Und Punkt!“
Gero steht auf und beginnt langsam zu klatschen. Wie in diesen amerikanischen Highschoolfilmen. Einige steigen ein. Es ist nicht ganz ernst gemeint. Eher eine Parodie. Es ist sooo lustig. Wir müssen uns zusammenreißen, um nicht laut loszuprusten. Es ist wie damals zu Schulzeiten. Es ist fast wie eine Klassenreise.

Das war Sie. Meine letzte Rede im Entzug. Einen Tag später flog ich raus. Begründung: Ich schüchtere die Gruppe ein, weil ich ihr Intellektuell überlegen wäre. Das war natürlich nur die offizielle Version. In Wirklichkeit waren es die Therapeuten, die mit mir nichts anfangen konnten. Sie waren Menschen wie mich nicht gewöhnt. Noch nicht ganz gebrochen, hatte ich mir noch ein wenig Würde aufgespart, und war demnach nicht bereit jeglichen Schwachsinn, widerspruchslos hinzunehmen.
Und es gab auch noch einen zweiten Grund. Sabia, das neunzehnjährige Miststück. Solange ich noch hier sei, würde sie sich nicht trauen in die Gruppe zu kommen. Sie hätte Angst vor mir. Was natürlich Unsinn war. Ein schlechtes Gewissen hatte sie, mehr nicht.

Ich wollte nicht gehen. Schließlich war ich erst knapp zwei Wochen da, und natürlich noch nicht einmal ansatzweise therapiert. Ich versuchte den Therapeuten klar zu machen, dass es da draußen Hunderttausende wie mich gibt. Menschen mit Jobs, Wohnungen und dem einen oder anderen Drogenproblem. Und das manche dieser Menschen hier über kurz oder lang aufschlagen würden. Also könnten sie sich auch gleich an mich gewöhnen. War nichts zu machen. Ihr Entschluss stand fest.
Mein Fehler war, noch nicht weit genug unten zu sein, im eigenem Bett, statt auf dem Hauptbahnhof zu schlafen, arbeiten, statt einbrechen zu gehen. Wie sagte mir Karin, die nette Ärztin, die mich so sehr mochte, schon am ersten Tag: „Wenn ich sehe, wie gefestigt du noch im Leben stehst, mit deinem Job, und deinen sozialen Bindungen, bezweifle ich, dass du überhaupt Therapiewillig bist. Aber du kannst mich gerne vom Gegenteil überzeugen.“

Das hätte ich auch gerne getan. Mich rauszuschmeißen wurde mit drei zu zwei Stimmen beschlossen. Karin hatte nun gerade an diesem Tag frei, konnte also nicht abstimmen. Zufälle gibts.
Sabia ging fünf Tage nach mir. Freiwillig. Gero erzählte mir später, sie lies sich von ihrem Freund abholen. Und rauchte bereits im Auto auf dem Parkplatz vor der Klinik wieder Heroin.

Gero zog nach seiner Therapie von Hannover nach Hamburg. Er blieb mir zwei Jahre lang ein treuer Freund. Er war – wir gesagt – ein guter, ein kluger Junge, Aber er bekam sein Leben nicht geregelt, er hatte keine Ausbildung, musste sich mit irgendwelchen Pissjobs durchschlagen. Die Mädchen liebten ihn noch immer, doch Erfolg in der Damenwelt allein reicht nicht für ein erfülltes Leben. Ich hätte ihn mehr unterstützen sollen, unterstützen müssen. Aber ich tats nicht. Dass er wieder vollkommen drauf war, hatte ich nicht mitbekommen. Ich wusste, dass er ab und an etwas nahm, aber wie schlecht es ihm wirklich ging, erfuhr ich erst eines Morgens, als mich seine langjährige Freundin anrief. Die Freundin, die er schon zu Therapiezeiten hatte, die Freundin, die trotz der ganzen Scheiße nicht von ihm loskam, weil er so ein liebenswerter Junge war.
Sie sagte: „Gero konnte nicht mehr. Er hat aufgegeben.“ Und dann legte sie auf. Gero war tot. Überdosis.

Diskussionen

13 Antworten zu “Fast wie eine Klassenreise / Letzter Teil”

  1. Ja Scheiße,
    ich hab dadurch auch schon Freunde verloren.
    Unbeschreiblich wie man sich fühlt wenn man Menschen verliert,
    von denen man dachte man würde mit ihnen alt werden.
    Und dann auch noch so

    Geschrieben von Bianca | 20. Januar 2013, 14:15
  2. Ich habs bereits vermutet…unglaublich starke Geschichte, Oliver.. Chapeau!

    Geschrieben von waldmonster | 20. Januar 2013, 14:27
  3. Das hat was. Witzig und ironisch, ohne zynisch zu werden. Und mehr als nur eine Fickauflistung (ohnehin ein Genre, in dem nach Henry Miller zu toppen ist.)

    Geschrieben von Khun John | 20. Januar 2013, 16:36
  4. Das hat was. Witzig und ironisch, ohne zynisch zu werden. Und mehr als nur eine Fickauflistung (ohnehin ein Genre, in dem nach Henry Miller nichts mehr zu toppen ist.)

    Geschrieben von Khun John | 20. Januar 2013, 16:37
  5. Sowas ärgert mich ja immer, genau wie in der Geschichte von Deinem Sohn wie er aus dem Ferienlager nach Hause geschickt wurde. Es ist einfach ungerecht! Und fachlich daneben. Das können sich auch nur Leute leisten, die nicht auf Kundenzufriedenheit achten müßen.

    Geschrieben von Monika | 20. Januar 2013, 18:34
  6. Ich glaube,Du bist geflogen,weil Du anders warst.Weil Deine Seele gelebt hat,im Gegensatz zu der der anderen dort,die sicherlich in einer ganz anderen emotionalen und körperlichen Verfassung waren.Du bist speziell,für einige sicherlich zu speziell,aber Du verkörperst meiner Meinung nach etwas,wonach sich einige Menschen sehnen.
    Und damals hast Du dort nicht reingepasst.Menschen,die schwierig sind,nicht biegbar,und komplizierter als andere,die sind nicht gewünscht.Anführer (Alphamänner…wie auch immer) haben es manchmal eben nicht leichter.
    Ich lese schon lange hier mit-ich bin nicht immer Deiner Meinung,das geht ja auch gar nicht,aber ich lese gern,was Du schreibst.Eben aus oben genanntem Grund:Weil Du lebendig bist,weil Du authentisch bist,und durchaus auch amüsant.
    Manchmal,da sitze ich da,und pflichte Dir bei,nicke zustimmend, lache in mich hinein oder bin sentimental.
    Und ab und an,da spüre ich das,was Du schreibst,fast körperlich,und dann kann mans genau spüren:Dieses Kribbeln,wenn die Seele lebt.

    Geschrieben von Marta | 21. Januar 2013, 19:19
  7. Eine absolut herzzerreißende, sehr authentische Geschichte.
    Ich muss gestehen,dass mich schon einige deiner Storys sehr berührt haben, aber die hier hat es wirklich ganz besonders in sich.
    Ich bin mir sicher,dass sie mich gedanklich noch einige Male beschäftigen wird. Gerade, weil das Ganze ein ganz anderes Ende nimmt, als ich erwartet hatte. Bin immer noch den Tränen nahe.
    Das Beste, was ich von dir gelesen hab.
    Danke <3

    Geschrieben von Mischi | 23. Januar 2013, 12:08
  8. einfühlsam, ehrlich, spannend, bedachte Eigenreflexion … Starker Text! Danke dafür.

    Geschrieben von Witwicki | 28. März 2013, 03:47

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