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Drogen, Kurzgeschichte

Fast wie eine Klassenreise / Teil IV

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„Bauen wir dann auch die Eisenbahn, die von, äh, die Lego-Eisenbahn auf?“, fragt mein Kleiner.

„Natürlich. Alles was du willst.

„Und lassen sie dann auch wieder unterm Sofa durchfahren, wo es so dunkel und gruselig ist?“

„Natürlich.“

„Papa, ich muss auflegen, Mama sagt, ich muss ins Bett.“

„Ist gut. Ich lieb dich, vergiss das nicht.“

„Ich lieb dich auch.“

Wer bis dato noch keine exzellenten Kontakte in die kriminelle Drogenszene hatte, was zugegebenermaßen die wenigsten sind, bekommt sie spätestens hier. Fast jeder könnte, wenn er wollte, einen fetten Deal zum Laufen bringen, weiß von geheimen Schmuggelwegen oder hat ein paar clevere Abzocktricks auf Lager. Eines Nachts rede ich mich mit drei Typen so heiß – alles ist schon geplant, günstigste Einkaufsmöglichkeiten („Du ich zahl nur ‘n Fuffi fürs Gramm. Wenn überhaupt …“), Hin- und Rückwege („Wenn wir die Bahn um 23:50 kriegen, könnten wir vorm Wecken zurück sein.“) – wir sind kurz davor es durchzuziehen. Doch schon bald wird uns die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens klar: Es wäre ein zorniges Manöver, sicher, und wir könnten es wohl auch schaffen, aber dann bräuchten gar nicht erst in den Entzug zurückzukommen.

Bin jetzt seit einer Woche hier. Die Ärztin sagt, der Junk sei aus meinem Körper, ich wäre nun entgiftet, und dürfte endlich in den regulären Entzug wechseln. Dort ist alles ein wenig lockerer. Unter Aufsicht dürfen wir sogar das Gelände verlassen, nur zum Spazieren, aber immerhin. Und so alle drei Tage machen wir Ausflüge. Mal geht’s ins Kino (Matrix), Schwimmen, oder in eine nahe gelegene Sporthalle, Badminton spielen. Im Keller gibt es einen kleinen Fitnessraum. Sehr spartanisch, aber es wird reichen um mich die nächsten Monate in Form zu bringen. Denn „erstaunlich fit“, wie Karin meint, bin ich noch lange nicht. Am Abend laufe ich ums Klinikgelände. Oder versuche es zumindest. Bei der Hälfte bremsen mich Seitenstiche aus. Seitenstiche! Cool. Die hatte ich zum letzten Mal beim Tausendmeterlauf in der zehnten Klasse. Es tut gut meinen Körper endlich mal wieder zu spüren. Und wenn es nur durch Seitenstiche ist. Hier lässt es sich aushalten. Das Ganze hat in etwa die Anmutung einer etwas zu lang geratenen Klassenreise. Ich freue mich über jeden Tag den ich hier sein darf. Dass mir die eigentliche Therapie helfen wird, glaube ich nicht, aber jeder Tag, an dem ich nichts nehme, lässt mich ein wenig stärker werden.

Eine erste Verschwörungstheorie kursiert über mich. Ich sei in Wahrheit gar nicht abhängig, wäre nur hier um ein Buch über die Einrichtung und deren Patienten zu schreiben. Junkies sind misstrauische Menschen und für abseitige Geschichten offen, wie das Loch einer Reeperbahnhure für einen Geschäftsreisenden mit fettem Spesenkonto.
Eines Abends erwische ich meinen Zimmernachbarn, wie er versucht in  meinen Rechner zu kommen.
„Frank, mein Jung, kann ich dir irgendwie helfen?“
„Äh ja, also, ich wollte nur mal gucken, was du so schreibst, weißt du, es gibt hier so Gerüchte.“
„Gerüchte, hm. Frag mich doch einfach.“
„Okay, stimmt es, dass du gar kein Problem mit Drogen hast, nur hier bist um uns auszuspionieren?“
„Euch auszuspionieren? Frank, eine Frage: Bist du ein Geheimnisträger?“
„Bis jetzt noch nicht.“
„Hab ich mir gedacht. Und ich denke, es wäre für uns alle am besten, wenn das auch so bleibt. Und jetzt gib mir meinen Rechner zurück, und bitte: rühr ich nie wieder an, klar?“
Meine gespielte Arroganz lässt ihn wütend werden: „Irgendwas stimmt nicht mit dir, und damit, mein Jung, brauchst du mir auch nicht zu kommen, du spielst doch nur den freundlich Typen, in Wahrheit, verachtest du uns doch.“
„Wenn du das sagst …“
Es ist wohl mein selbstherrliches Auftreten, das mich hier zusehends unbeliebter werden lässt. Nicht bei allen, klar, drei, vier der besten Jungs halten zu mir und den meisten ist eh alles egal, aber die etablierten, die schon seit Monaten hier, und meist älter sind, scheinen ein ernsthaftes Problem mit mir zu haben.

Heute hatte ich mein erstes Einzelgespräch mit einem Therapeuten. „Einzel“ sind hier ein großes Thema. Sie scheinen den meisten an die Substanz zu gehen. Fast keiner der nicht in Tränen ausbricht. Pah! Ich doch nicht! Dachte ich. Doch Therapeut Marcus war ziemlich geschickt, er wusste wie er mich klein kriegen konnte, welche Knöpfe er dafür drücken musste.
Tränen schossen nach noch nicht einmal fünf Minuten aus mir heraus; liefen über meine unrasierten Wangen, vermischten sich mit dem Rotz aus meiner Nase und ließen mich fast zusammenbrechen. Wieso eigentlich? Ist mir schleierhaft. Er fragte nur, ob ich schon häufiger ähnliche Anpassungsprobleme gehabt hätte, sie sich wohlmöglich durch mein gesamtes Leben ziehen würden. Und da fiel mir als erstes ein, dass meine Eltern mich bereits nach der zweiten- in die Parallelklasse versetzen ließen, weil ich mit meiner Lehrerin so gar nicht klar kam.
Und dann machte es Klick! Immer mehr Momente, in denen ich andere Menschen enttäuschte, kamen mir in den Sinn.
„Oh Gott, was bin ich nur für ein schlimmer Mensch!“ zog ich daraus. Was reichte.

Gero und ich spielen gerade Tischtennis als die Glocke läutet. Das Läuten der Glocke bedeutet, innerhalb von dreißig Sekunden muss jeder im Gruppenraum sein, ganz egal, wo er ist oder was er gerade macht. Meistens geht es um Triviales. Irgendwelche Dienste, die nicht verrichtet wurden, unwichtiger Scheiß halt, aber manchmal ergibt die Glocke auch Sinn, wenn es jemandem so richtig schlecht geht, er Abbruchgedanken hat oder Ähnliches und dann gibt es da auch noch die Male, an denen Marina die Glocke läutet. Und das ist eine ganz eigene Kategorie.

„Ich habe die Glocke geläutet …“

Marina. Klar. Ich mag sie nicht. Eine EMMA lesende Kampflesbe durch und durch. Mit ihrem extrem kurz geschorenen Haar, dem vom jahrelangem Heroingenuss bis auf die Knochen abgemagertem Leib, und der Armeekluft, sieht sie immer ein wenig aus, als hätten die Amerikaner sie gerade aus Buchenwald befreit und ihr dabei auch gleich noch ein paar frische Klamotten zu Verfügung gestellt. Aber das sind natürlich nur Äußerlichkeiten. Doch leider gibt es über diese Frau auch sonst nichts Nettes zu sagen. Die meisten Entzügler sind nach einiger Zeit ziemlich gut drauf. Klar, so ein Drogenentzug hat ja auch etwas Befreiendes. Viele können zum ersten Mal seit Monaten, manche seit Jahren, wieder lächeln. Nicht so Marina. Obwohl bereits drei Monate hier, damit fast durch, ist sie ständig schlecht gelaunt, dabei oft zickig.

Erste leise Zwischenrufe teilen meinen Unmut: „Ach was! Wirklich?“

„Wer sonst?“

„Du kannst läuten …“

„Und eure blöden Bemerkungen könnt ihr euch mal gleich sparen! Also, ich habe geläutet, weil ich während meines Küchendienstes, die Zellophanabdeckung eines Nutellaglases im Schweineeimer gefunden hab!“

Sie schaut in die Runde, nach bestürzend dreinblickender Bestätigung für ihren unglaublichen Fund haschend, ganz so als hätte sie nicht ein Stückchen Zellophan, sondern den Kopf von Che Guevara im „Schweineeimer“ (in den eigentlich nur kompostierbare Lebensmittel kommen) gefunden. Vergeblich. Dafür erntet sie weitere Zwischenrufe von meinen Jungs: „Nein!“

„Das kann nicht sein!“

„Das gibt’s doch gar nicht!“

Und eine Meldung von mir. Karin erteilt mir das Wort: „Ja, Oliver, du möchtest etwas sagen …“

„Danke. Erst einmal möchte ich feststellen: …“

Sonntag gehts mit dem letzten Teil weiter, Freunde …

Diskussionen

2 Antworten zu “Fast wie eine Klassenreise / Teil IV”

  1. astrein.nen paar befindlichkeiten während des ‘körperlichen’ entzuges wären noch interessant gewesen.insgesamt aber dichtes entertainment.macht bock…auf mehr.

    Geschrieben von dizzy | 18. Januar 2013, 18:32

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