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Solange wir beide noch in der Entgiftung sind, dürfen wir nicht mehr miteinander sprechen. „Kontaktsperre“ heißt das offiziell. Ist ein wenig ärgerlich, aber in spätestens zehn Tagen, ist sie bei mir im Entzug, dann können wir ja da anschließen, wo wir aufgehört haben. Ein sicherer Fick würde die ganze Sache hier erträglicher machen. Um Einiges erträglicher sogar. Dazu gehören natürlich zwei und deshalb sollte ich behutsam rangehen. Sie ist jetzt schon verängstigt, möchte hier nicht rausfliegen, also werde ich die Kontaktsperre einhalten. Und ihr einen Brief schreiben. Das wird ja wohl erlaubt sein.
Erstmal werde ich allerdings zu Marcus gebeten. Der ist hier so eine Art Klinikleiter. Er wird mir wohl den angekündigten Stress bereiten. Mit sonorer Stimme versucht er mich einzulullen, ich soll seine Sichtweise der Dinge als die einzig Wahre zu akzeptieren.
„Oliver, was hast du dir nur dabei gedacht?“
„Was genau meinst du?“
„Ein gerade neunzehnjähriges Mädchen zu verführen, das dazu auch noch mitten im Heroinentzug steckt, Mensch, das hätte ich nun gerade von dir nicht erwartet.“
„Hm. Hast du denn schon mit ihr gesprochen?“
„Hab ich. Und sie hat mir alles erzählt. Dass sie eigentlich gar nicht wollte, du sie aber so sehr bedrängt hast …, aber was erzähle ich dir das, du weißt ja selber am besten was du getan hast. Oder glaubtest du etwa sie würde dich auch noch in Schutz nehmen?“
Nein, nein, wieso auch! Was für eine Bitch! Hat, um ihre Haut zu retten, alles auf mich geschoben. Wirklich nett. Und wem wird er jetzt wohl mehr glauben? Einem verschüchterten kleinen Mädchen oder einen fast dreißigjährigen Mann, der zumindest nach Therapiemaßstäben ziemlich gefestigt zu sein scheint. Zu versuchen, ihn von meiner Version zu überzeugen, würde nichts bringen. Schätze, es wäre sogar Kontraproduktiv, er hielte mich dann auch noch für einen Lügner, was meine Verweildauer hier nicht unbedingt verlängern würde. Also werde ich mich einfach in aller Form entschuldigen, so wie ich es immer mache, wenn ich in Bedrängnis bin.
„Marcus?“
„Ja.“
„Es tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht. Nicht genügend nachgedacht. Es wird nicht wieder vorkommen. Versprochen.“
Dieses Einsichtigkeit heucheln – und dabei auch noch sympathisch rüberkommen – habe ich in den langen Jahren des immer-wieder-Scheiße-bauens perfektioniert.
„Das darf es auch nicht. Sonst wirst du, so leid es mir tut, gehen müssen. Wir haben hier eine Fürsorgepflicht und können es nicht zulassen, dass bei uns irgendjemand zu irgendetwas gezwungen wird.“
Ich bin so wütend auf diese kleine Schlampe. Bringt aber nichts. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Ich sollte es positiv sehen: Diesen sagenhaften Fick kann mir keiner nehmen, nicht sie und nicht die. Und zumindest als Wichsvorlage wird sie mir in den nächsten Wochen, noch exzellente Dienste leisten können.
Die Tage in der Entgiftung vergehen langsam. Es gibt noch keine Gesprächsrunden, therapeutische Einzelgespräche und ähnliches, wie später im Entzug. Die meisten meiner Mitpatienten sind ausgesprochen nett. Nicht gerade ein Brain Trust, doch mit manchen kann ich sogar ziemlich angenehme Gespräche führen. Obwohl die meisten Heroinjunkies waren, sind sie mir doch viel näher als die abgefuckten Alkoholiker im vorigen Entzug. Fast alle machen Pläne für die Zeit danach. Haben Großes vor. Ich gönne es ihnen, und, meine Befürchtung, dass die meisten draußen wieder abstürzen, behalte ich natürlich für mich.
Natürlich gibt es auch ein paar seltsame Gestalten. Bettina zum Beispiel, obwohl schon Mitte Dreißig, hat sich so gar nicht im Griff. Wir spielen viel, Tischtennis, Dart, Brettspiele, solche Sachen. Und beim Monopoly kommt es zu einem kleinen Eklat. Ich kaufe alles, gehe volles Risiko, während Bettina ihr Geld lieber spart. Als es dann ans Tauschen geht, brauche ich nichts, da ich meine Straßenzüge zum Häuserbauen schon habe. Sie aber nicht. Mein Satz: „Ich habe nichts zu verkaufen.“, macht sie so wütend, dass sie das Spiel vom Tisch fegt, und mich als Arschloch beschimpft. Aber sonst? Alles ruhig. Bis zum nächsten Tag.
Der komplette Kinderentzug ist durchgezogen. „Durchgezogen“ ist hiesige Therapiesprache, es meint nicht etwa, jemand hat seinen Entzug durchgezogen, also beendet, sondern schlicht: Abgehauen.
Dass die Vierzehn- bis Achtzehnjährigen Kinder noch so dumm oder naiv sind, ihre Chance von den Drogen loszukommen nicht zu nutzen, ist nicht ungewöhnlich, schließlich sind die wenigsten von ihnen freiwillig hier. Dass aber fast fünfzehn Jungs und Mädchen den Mumm besitzen gemeinschaftlich abzuhauen, dabei vorher noch den Medizinschrank aufzubrechen um chemische Keulen zu klauen, ist bemerkenswert.
Sie kommen nicht weit. Im nächsten Ort knacken sie ein Auto, werden von der Polizei geschnappt. Zurück dürfen sie nicht. Keine Ahnung, was aus ihnen wird.
Ich vermisse meine Jungs.
Wäre schön, wenn sie mich bald besuchen kämen. Am liebsten an meinem dreißigsten Geburtstag nächste Woche. Ich frage einen Therapeuten, ab wann ein Besuch möglich sei.
„Im Entzug ist das überhaupt kein Problem.“
„Kann ich dann auch mit ihnen das Gelände verlassen? Spazieren gehen oder so …, ich möchte nämlich nicht, dass sie mitbekommen, warum ich hier bin.“
„Und genau das habe ich mir gedacht! Nein, mein Freund, so läuft das nicht, du musst ihnen schon sagen, was du hier machst!“
„Äh, wie bitte?“
„Du hast schon richtig gehört. Kinder müssen lernen, dass das Leben nicht einfach ist. Dass ihre Eltern keine Superhelden sind, denen immer alles gelingt, sondern auch Probleme haben. Wenn sie die dann auch noch angehen und die Kinder das mitkriegen, kann das nur gut für ihre Entwicklung sein.“
Was redet der da? Mag ja was dran sein, aber …
„Ich finde, das solltet ihr schon mir überlassen, was ich meinen Kindern erzähle und was nicht. Wie ich sie erziehe und wie nicht, schließlich sind es meine Kinder, das ist doch verständlich, oder?“
„Ich verstehe dich schon. Aber du musst auch uns verstehen. Du würdest deine Kinder belügen, und das“ betont er mir erhobenen Zeigefinger „wäre für uns nicht akzeptabel. Es tut mir leid, aber wenn du deinen Kindern nicht sagst, warum du wirklich hier bist, wirst du sie nicht sehen dürfen.“
O, das ist ja was für mich. Dieser Wichser macht mich so wütend, am liebsten würde ich ihm seine hässliche Visage einschlagen!
Was bilden die sich hier ein? Der Kleine ist erst drei! Was soll ich dem von Drogenproblemen erzählen?!
Der Typ muss einen Vollschaden haben. Wenigstens telefonieren darf ich. Unzensiert und ungestört.
„Hallo Kleiner, hier ist Papa!“
„Hallo Papa!“
Er freut sich richtig. Hat ja auch schon drei Wochen nichts von mir gehört. Ich sehe sein freudig aufgeregtes Gesicht vor mir. Was verdammt gut tut.
„Du, ich vermiss dich ganz doll, wie geht es dir denn, mein Süßer?“
„Gut … Papa?“
„Ja.“
„Wo bist du?“
Die Frage musste kommen. Trotzdem bin ich nicht auf sie vorbereitet. In seiner Frage steckt so viel Sehnsucht, und ich Versager kann ihm noch nicht einmal helfen, sie zu stillen, weil ich hier festsitze. Ich wäre jetzt so gerne bei ihm, aber das geht nicht. Die Worte meiner Mutter, „Du bist es deinen Kindern schuldig“, fallen mir ein. Traurigkeit überkommt mich, mein Magen verkrampft sich, ich muss schlucken. Weinen! Zusammenreißen ist jetzt wichtig. Papa ist stark, Papa ist ein Vorbild, was der Typ erzählte ist 68er-Schwachsinn. Ich werde es meinen Kindern erzählen. Irgendwann.
„Papa, bist du noch da?“
„Äh, ja klar, weißt du, es ist so, Papa muss arbeiten. Das dauert auch noch ein bisschen. Aber bald bin ich wieder da, und dann machen wir es uns ganz schön, okay?“
Ich hab nicht gelogen! Nur etwas weggelassen. Schließlich will ich hier ja ein Buch schreiben. Was Arbeit ist.
„Hm, ja … Papa?“
„Ja, Großer?“
Morgen gehts weiter, Freunde …

Wenn meine Tochter 3 Jahre ist, werde auch ich 30Jahre alt…sag mir jetzt noch, dass dein Sohn im März Geburtstag hat, dann wird’s gruselig 😉 Super geschrieben!!!!
Geschrieben von Phoebe | 17. Januar 2013, 15:01Geht verdammt ans Herz…danke <3
Geschrieben von anna | 17. Januar 2013, 15:10Oh man, bei dem Telefonat mit deinem Sohnemann muss ich tatsächlich heulen. Hoffe, Teil 4 erscheint wirklich schon morgen…
Geschrieben von Mischi | 17. Januar 2013, 15:55Was ist denn das für ein Bullshit? Eltern sind keine Superhelden??? Will man den Kindern umbedingt ein Trauma bereiten? “mimimi, Lügen wollen wir nicht” Aber den eigenen was vom Weihnachtsmann erzählen. Ich habe als Kind bestimmt nicht hören wollen, dass meine Mutter auf Entgiftung war. Mal völlig davon abgesehen, dass ichs eh nicht verstanden hätte… Da will man doch ausrasten!
Geschrieben von waldmonster | 17. Januar 2013, 22:15