
Link zu Teil I: http://oliver-flesch.com/2013/01/10/klassenreise/
Die ausladende Villa vor der ich nun stehe, hat ihre große Zeit lange hinter sich. Sieht ein wenig verkommen aus, nicht gerade die Betty-Ford-Klinik, doch darauf kommt es ja auch nicht an. Nach der Anmeldung folgt die obligatorische Durchsuchung. Eine harmlose Sache, nicht zu vergleichen mit amerikanischen Knastfilmen – in Körperöffnungen schaut hier niemand. Bis auf die Vitaminpillen und Aminosäuren, die ich mir fürs Fitnesstraining besorgt hatte, darf ich alles behalten. Sogar meinen Rechner. Schreiben könnte meiner Therapie zuträglich sein, heißt es hier. Der Gedanke, die Zeit, auch Abseits vom Entzug, sinnvoll nutzen zu können, lässt mich fast euphorisch werden. Ich bin drei Monate hier, neunzig Tage also, wenn ich jeden Tag nur drei Seiten schreiben würde, hätte ich die Rohfassung meines ersten Romans am Ende der Therapie fertig!
Nun untersucht mich die Chefärztin. Ich sei erstaunlich fit, eigentlich untypisch, für einen Drogensüchtigen. Karin – man duzt sich – sagt das mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton. Verstehe ich nicht. Soll ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, nur weil ich noch kein körperliches Wrack bin? Sie schickt mich zum Drogentest.
„Und? Brav geblieben?“ fragt eine burschikose Schwester.
„Selbstverständlich.“ Versuchen kann man es ja mal.
Nach ein paar Minuten kommt sie zurück.
„Na, ganz so brav kannst du ja wohl doch nicht gewesen sein, du musst so lange in die Entgiftung, bis das Kokain restlos aus deinem Körper verschwunden ist, tut mir Leid.“
„Ist schon in Ordnung, muss dir nicht leid tun, war ja mein Fehler.“
Mal wieder Glück gehabt. Kein Wort mehr über fehlende Kapazitäten in der Entgiftung.
Man teilt mir einen Paten zu. Gero soll mir hier erstmal alles zeigen. Er entzieht bereits seit zwei Monaten und scheint so etwas wie der beliebteste Junge zu sein. Auch ich mag ihn sofort. Schon nach ein paar Tagen spüre ich, in Gero einen neuen Freund gefunden zu haben.
Und damals hätte ich nie gedacht, ihn nur zwei Jahre später auf so tragische Weise wieder zu verlieren, aber das ist eine andere Geschichte.
Dieser hübsche Slackertyp, hat mit Anfang zwanzig, fast sein halbes Leben in geschlossenen Therapieeinrichtungen verbracht. Es begann mit Alkohol, Dope und Pillen, da war er vierzehn. Wie bei mir. Nur viel früher. Und damit viel zu früh.
Wir machen einen kleinen Spaziergang über das Gelände. Direkt vor der Villa ist eine Grünfläche, auf der man Fuß- und Volleyball spielen kann. Links davon steht ein unansehnlicher zweistöckiger Flachbau, im dem ich die nächsten Tage verbringen muss, links um die Ecke, noch so ein Behelfsheim, in der der so genannte Kinderentzug ist, im dem, wie der Name schon fast sagt, Zwölf- bis Achtzehnjährige entziehen.
Am nächsten Tag fühle ich mich komplett regeneriert. Das Kokain mag noch im Körper sein, aber es hat keine spürbaren Nachwirkungen hinterlassen, bin körperlich und geistig voll da.
Ganz im Gegensatz zu dem Mädchen, das gerade eincheckt.
Sie ist nett anzuschauen. Ausgesprochen nett. Dunkler Typ, lange schwarze Haare, hübsches Gesicht, zierliche Figur. Optisch würde sie allerdings eher in den Kinderentzug passen. Und ihr Kleidungsstil unterstreicht das noch: Schwarzes bauchfreies Top, gepiercte Brosche im Bauchnabel, weiße Stretchstoffhose mit mächtig Schlag und ihre kleinen Füße stecken in extrafetten Buffalo-Turnschuhen. Sie wirkt wie dreizehn. In Wahrheit ist sie bereits Neunzehn. Und ziemlich gut drauf. Gero beobachtete wie sie gerade eben im Auto ihres Freundes auf dem Parkplatz vor der Klinik, ein paar Linien Heroin vom Blech zog.
Was sie regelrecht kuschelig macht, sie stellt sich überschwänglich vor, kommt gleicht mit allen ins Gespräch. Na. Mal sehen wie lange ihre gute Laune anhält.
Nicht allzu lange. Sie hat seit einem halben Jahr, jeden Tag Heroin geraucht, war also ständig drauf, der gute alte Affe sitzt ihr schon im Nacken, so viel ist sicher.
Es ist nach elf, die anderen sind schon schlafen gegangen, und ich habe mir vorgenommen, mich ein wenig um sie zu kümmern. Und das nicht nur weil ich so ein humaner Typ bin – um ehrlich zu sein: Wäre sie eine aus der Abteilung Dresden 45, würde ich wahrscheinlich auch schon im Bett sein – aber wenn ich ihr jetzt helfe, jetzt, wo es so richtig dreckig geht, habe ich einen Vorsprung, den die anderen Jungs schwer aufholen können. Hehe.
Sie erzählt ununterbrochen von ihrem bösen Freund, der sie drauf gebracht hat, ihrer trinkenden Mutter und von ihrem Stiefvater, der sie missbrauchte, als sie neun war. Ich komme mir ein wenig schäbig vor, weil ich vorhatte ihre eh schon beschissene Situation auszunutzen.
Ich werde nichts forcieren, so ein Arschloch bin ich dann doch nicht. Gut, falls sie es irgendwann wissen will, werde ich nicht nein sagen. Aber bedrängen? Nein.
Muss ich auch gar nicht. Wir liegen bereits auf einem Sofa. Ich etwas erhöht, ihr Kopf auf meiner Brust. Ihr Zustand verändert sich. Ihre euphorischen Schübe werden immer seltener, ihr Sabbelflash verebbt langsam, sie wird einsilbiger. Der süßliche Geruch ihres Tommy Girl-Parfums vermischt sich mit ihrem Schweiß. Ich streichle ihr die nassen Haare aus der verschwitzten Stirn. Sie schaut mich dankbar an: „Du bist so lieb. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde.“
Das ist schön zu hören. Gut, dass ich nie Heroinabhängig war, und mein schlimmster Absturz ein Witz, gegen das was sie noch erwartet. Alle halbe Stunde kommt eine Therapeutin rein, um uns ins Bett zu schicken. Getrennt natürlich. In der Entgiftung sind intime Kontakte streng verboten. Nachher, im eigentlichen Entzug, nicht. Ist auch nachzuvollziehen, schließlich sind die meisten in den ersten Tagen alles andere als gefestigt.
Nach dem vierten Mal reicht es der Therapeutin. Sabia muss ins Bett. Sie bekommt irgendein homöopathisches Zeug. Medikamente, die wirklich etwas bringen sind verboten. Ein kalter Entzug also.
Kann aber so schlimm nicht gewesen sein, bereits am nächsten Tag scheints ihr schon wieder ganz gut zu gehen.
„Hey, wie geht es dir heute Morgen?“ frage ich.
„Schon besser, danke, und auch noch mal vielen Dank, dass du dich gestern so lieb um mich gekümmert hast.“
„Ach das, das war doch selbstverständlich, lass uns keine große Sache draus machen.“
„Doch, doch. Weißt du, es ist lange her, dass jemand so nett zu mir war, deshalb bedeutet es mir was, verstehst du?“
„Ich habs gerne gemacht, okay?“
„Okay. Und trotzdem sollst du es nicht umsonst gemacht haben, heute Abend habe ich noch ein kleines Geschenk für dich.“
„Das ist wirklich nicht nötig.“
„Mag sein, aber ich möchte mich gerne revanchieren. Komm um acht in mein Zimmer, da wartet dein Geschenk auf dich.“
Was sie mir wohl schenken will? Sich selbst? Nee. Oder etwa doch? Na, das wäre zumindest mal ein Geschenk, was ich wirklich gut gebrauchen könnte.
Bin schon ein bisschen aufgeregt, muss ich zugeben, deshalb stehe ich bereits um halb Acht vor ihrem Bett.
„Du willst dein Geschenk abholen, richtig?“
„Richtig. Hast du es hier?“
„Klar. Es ist aber wie gesagt nur etwas Kleines.“
Sie zieht die Bettdecke von ihrem Körper, zeigt mir stolz ihren extrem schlanken, gut gebauten Körper, winkelt die Beine an, macht sie breit und sagt: „Hier ist es, mein kleines, enges Loch, und nun zeig mir mal was du drauf hast, ich hoffe es ist einiges, denn du kannst mit mir machen was du willst.“
Es dauert einen Moment, bis ich die Bedeutung ihrer Worte realisiere. Nicht, dass sie mich vollkommen unvorbereitet trafen, aber mit so einer direkten Ansage, rechnete ich nicht im Traum.
Wir machen ein bisschen rum, was gut tut, und wie es aussieht, nicht nur mir.
„Oliver?“
„Ja.“
„Ich möchte mit dir schlafen.“
Volltreffer!
„Bist du dir auch sicher? Ich meine, willst du es wirklich?“
„Ich wünsche mir nichts mehr …“
Ganz langsam und vorsichtig dringe ich in sie ein. Der Fick ist gut. Ziemlich gut sogar, um nicht zu sagen sensationell. Sie wiegt vielleicht 45 Kilo, dabei ist sie fast 1,70 Meter groß, dementsprechend eng gebaut, und ich hatte schon seit über zwei Monaten keinen Sex.
„Bitte, spritz nicht rein, okay, ich verhüte nicht!“
Sie verhütet nicht. Scheiße, ich auch nicht. Und die war auf Heroin! Na ja, so lange sie nicht gespritzt hat, kann sie sich auch nicht infiziert haben. Und Einstiche sind nirgends zu sehen. Aber was, wenn sie anschaffen ging? Ich sollte an etwas anderes Denken, sonst läuft hier gleich nicht mehr viel …, und testen lassen, ja, testen lassen, sollte ich mich auch. Vorsichtshalber.
„Stimmt irgendwas nicht?“
„Doch, doch, alles klar, alles klar.“
Ich versuche mich wieder auf sie zu konzentrieren, was mir auch gelingt, ein paar Minuten später wäre ich dann soweit.
„Wohin hättest du es denn gern?“
„Das kannst du dir aussuchen.“
Ich ziehe ihn raus, wichse meinen Schwanz ein wenig und genieße diesen immer gern gehörten Satz: „Ja, komm schon, gibs mir, gib mir alles, spritz mich voll.“
Würde ich auch gern, aber im gleichen Moment geht die Tür auf …
„Hab ich’s mir doch gedacht!“, sagt die Therapeutin vom Vorabend vorwurfsvoll.
„Hey, ihr beiden, ihr wisst doch ganz genau, dass ihr das nicht dürft!“
Klar weiß ich das. Nur ist mir in diesem Moment egal. Scheißegal. Und deshalb sage ich: „Gib mir noch eine Sekunde, ich bin gleich soweit!“
Ihre Gesichtszüge entgleiten, ungläubig glotzt sie uns an: „Das glaub ich jetzt nicht. Das kann jetzt echt nicht dein ernst sein!“
Doch ist es. Und schon ist es vorbei.
Das würde Stress geben, da können wir uns sicher sein, sagt sie vollkommen außer sich und schmeißt mich aus Sabias Zimmer.
Sie sollte Recht behalten.
Liest sich wunderbar bildlich und ich beginne immer mehr eine ungefähre Vorstellung von deinem zukünftigen Roman zu gewinnen. More, more, more plz
…….
Geschrieben von Just Asaac | 11. Januar 2013, 15:30Danke, Mann …
Geschrieben von Oliver Flesch | 11. Januar 2013, 15:34Gut geschrieben, und realistisch….. habe vor kurzem noch “eine Bekannte” im Entzug besucht
einziger Vorteil… sie durfte schon raus und kam mit ins Hotel
Cheers DJP
Geschrieben von DJPR | 11. Januar 2013, 15:33Soweit war ich noch nicht.
Geschrieben von Oliver Flesch | 11. Januar 2013, 15:35“habe ich einen Vorsprung, den die anderen Jungs schwer aufholen können. Hehe.”
ICh hab schon ne genaue Vorstellung wie sich dieses fiese Lachen anhört.
Geschrieben von Miles | 11. Januar 2013, 15:41REINE Menschenfreundlichkeit …
Geschrieben von Oliver Flesch | 11. Januar 2013, 15:50OOOOOOOO
MMMMMMM
GGGGGGGG
!!!!!!!!!!
Geschrieben von Sonja Lindenbaum | 11. Januar 2013, 15:52Oliver, ich will ein Buch von Dir !
Super geschrieben. Ich hoffe du warst das nicht wirklich und hast mit jmd. geschlafen die auf H war und dann noch ohne Gummi. Das wäre arg grenzdebil !
Geschrieben von Kranz Kafka | 11. Januar 2013, 16:02Alles, was ich schreibe, ist selbst erlebt.
Geschrieben von Oliver Flesch | 11. Januar 2013, 16:33Also, ich weiss ja nicht, aber mich macht das traurig und ängstlich, da stecken zuviele hintergründige Schmerzen drin, die ich da auch rein interpretiere, oder besser gesagt, die ich fühle bei solchen Zeilen. Zuviele Abgründe meiner eigenen Vergangenheit und Erlebnisse und die grosse Angst, dass meine Kinder vielleicht irgendwann mal Drogen probieren.
Soviel zum Inhalt, geschrieben ist es natürlich wieder ganz klar 1 A
Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 11. Januar 2013, 16:27Come on Koks Entzug in der Klinik? Oft reicht ein komplett anderes Umfeld.
Geschrieben von Mirco | 11. Januar 2013, 19:20Hahahaaaaaahaa, warum war sie denn außer sich, versteh ich gar nicht 8)
Ich lese Dein Zeug echt gerne, Du scheinst so normal und schreibst auch so.
Geschrieben von Bianca | 11. Januar 2013, 20:02Schöne Geschichte! Als Mann muß man(n) 1x im Leben ne Therapie gemacht haben.
Geschrieben von Jötze Pfeiffer | 12. Januar 2013, 11:46Einmal reicht dann aber auch.
Geschrieben von Oliver Flesch | 14. Januar 2013, 17:56