du liest...
Drogen, Kurzgeschichte

Fast wie eine Klassenreise / Teil I …

unter_null

Bockhold, Schleswig Holstein, Juni 1999

Das Therapiezentrum in der Nähe von Köln, auf einem Hang in Waldnähe idyllisch gelegen, soll für die nächsten drei Monate mein Zuhause sein.
„Wann haben Sie das letzte Mal Alkohol getrunken?“ ist die erste Frage am Empfang.
„Ich trinke nicht.“ antworte ich einigermaßen wahrheitsgemäß.
„Was wollen Sie dann hier?“
Gute Frage. Die ich mir auch gerade stelle. Vor allem nachdem man mir meinen Laptop wegnimmt. Womit ein für mich wesentlicher Inhalt der Therapie weg bricht. Ein Buch zu schreiben nämlich. Die Klinikleitung sieht das anders. Ein Laptop sei kontraproduktiv – könnten Computerspiele drauf sein.

Ich bin kaum fünf Minuten hier und mein Therapiewille ist so gut wie gebrochen. Was soll ich in so einer Klinik?! Die sind augenscheinlich nur auf Alkoholiker eingestellt, werden mir bei meinem Problem kaum helfen können. Mein Zimmergenosse, ein fast siebzigjähriger Bilderbuchrheinländer ist auch gerade erst angekommen. Er zittert so stark, dass ich ihm beim öffnen seiner Schnürsenkel helfen muss.
Bereits in Hamburg fasste ich einen schmerzlichen Entschluss. Die Elvistolle, die mich seit meinem vierzehnten Lebensjahr begleitet, kommt ab. „Konzentration aufs Wesentliche“ ist meine offizielle Begründung. Haarausfall am Hinterkopf, der wahre Grund. Da ich meinen Kopf zum ersten Mal rasiere, dauert es dementsprechend lang. Nach dem dritten Anruf, mit der eindringlichen Aufforderung nun endlich zum Abendessen zu kommen, bleibt mir nichts anderes übrig, als mittendrin abzubrechen. Ich sehe aus wie ein Krebskranker, dem nach der Chemotherapie die ersten Haarbüschel wachsen. Was irritierte Blicke meiner neuen Leidensgenossen nach sich zieht.
Ich setzte mich an einen Einzeltisch. Menschen beim „schlimme Augenwurst“ essen zuzusehen, wäre jetzt zuviel des Guten. Nach einer lauwarmen Tasse Pfefferminztee, zwei harten Scheiben Graubrot, und etwas, das in grauer Vorzeit mal so etwas Ähnliches wie eine Tomate gewesen sein muss, bin ich satt.

Da ungefähr achtundneunzig Prozent der Menschen hier rauchen, versammelt sich nun fast alles auf der Terrasse, auf ein so genanntes Verdauungszigarettchen. Einschließlich mir. Die meisten sind so um die einhundert Jahre alt. Ich halte mich an die Jungspunde, also an die, um die vierzig. Mit meinem Kokainproblem gelte ich sofort als Exot. Es soll noch einen Tablettenabhängigen und einen Spielsüchtigen geben und mich. Also drei von dreihundert. Was meine Zweifel nährt, fehl am Platze zu sein.
Auch ein Gespräch mit einem Therapeuten ändert daran nichts. Der Ablauf sei bei allen Süchten gleich, deshalb könne man sie auch mit den gleichen Methoden behandeln, meint der. Ich mein das nicht und gehe mit einem ziemlich missmutigen Gefühl schlafen.

Bei der Jobvergabe am nächsten Tag bewerbe ich mich bei der Hauszeitung. Was in meinen Augen Sinn ergibt. In den Augen der Klinikleitung nicht. Nix Hauszeitung – Hausmeister soll ich werden! Ich? Hausmeister? Mit meinen zwei linken Händen?
Drei Tage später sitze ich im Zug zurück nach Hamburg.

So schwer es war, in eine Entzugseinrichtung zu kommen, so leicht ist es nun in eine andere zu wechseln. Ein Besuch im Beratungszentrum, ein Anruf, und schon habe ich den Platz. Und diesmal passt es auch besser, meint mein Drogenberater. Keine Alkoholiker, junge Leute und, ganz wichtig: Jungs und Mädchen! Das Ganze ist allerdings an eine Bedingung geknüpft. Ich muss die nächsten Tage sauber bleiben. Sonst müsste ich vorher in die angeschlossene Entgiftungseinrichtung, und dort ist nun mal gerade kein Platz frei.
„Kannst du das schaffen?“ fragt mich die Frau aus dem Therapiezentrum Bockhold, irgendwo in Schleswig Holstein, am Telefon Donnerstagnachmittag.
„Ob ich das schaffen kann? Bis Montag? Ach, das sind doch nur vier Tage. Ist überhaupt kein Problem.“

Ist es natürlich doch. Das Wochenende liegt dazwischen. Und einmal kann ich noch, einmal will ich noch, schließlich soll danach für immer Schluss sein. Es ist eine Art Abschiedsfeier. Vom Kokain und meinen beiden besten Freunden, Leon und Fabian. Kein Tag in den letzten zehn Jahren an dem ich nicht zumindest von einem der beiden hörte. Nun bin ich mindestens drei Monate aus der Welt. Doch das sollte mein geringstes Problem sein.
Wir treffen uns im La Cage, einem In-Club, auf der Reeperbahn. Beim zweiten Toilettengang zittert meine Hand bereits so stark, dass es mir unmöglich ist, das Zeug klein zu hacken. Passiert in letzter Zeit öfter. Nicht nur beim Feiern. Ziemlich unangenehme Sache. Von der ich gar nicht wissen will, wo sie her kommt oder gar, wo sie hinführt. Hab mal gelesen, Kokain verursacht Parkinson zwar nicht unbedingt, ein Zusammenhang sei aber nicht auszuschließen. Grässlicher Gedanke.

Leon hackt und legt für mich. Meine zitternde Hand erschrickt ihn, wir sind beide der Meinung: Montag in Therapie zu gehen ist eine höllisch gute Entscheidung. Und irgendwie höchste Zeit. Nur für mich? Das ist die Frage, die wir ein paar Stunden später bei mir zu Haus diskutieren. Nachdem ich den beiden sage, dass mein Drogenberater behauptet, ein Wechsel des Freundeskreises, sofern er aus Usern besteht, sei für einen Therapieerfolg Grundvoraussetzung, ist die Stimmung bedrückt. Wir schweigen uns ein paar Minuten an.
Bis Leon plötzlich aufsteht: „Wisst ihr was? Ich hör auch auf!“
„Echt?“ frage ich.
„Klar! Ist eh nicht mehr so doll wie früher. Und wenn du das schaffst, schaffe ich es auch!“

Was guckt ihr denn so?“ fragt Fabian.
„Was ist mit dir? Gemeinsam einen neuen Lebensabschnitt einläuten, oder was?“ fragt Leon erwartungsvoll.
„Ganz ehrlich?“
„Was sonst?“ sage ich.
„Okay, also ich kanns mir im Moment nicht vorstellen. Schließlich habe ich mit der Scheiße nicht so große Probleme wie ihr. Wann nehme ich denn mal was? Ein-, vielleicht zweimal im Monat.“

Was soll man darauf sagen? Ganz Unrecht hat er nicht. Fabian scheints als Einziger im Griff zu haben. Was unsere Stimmung nicht unbedingt hebt. Ist ihm das Koks wichtiger als meine Freundschaft? Ein unfairer Gedanke. Ich kann nicht erwarten, dass er sein Leben umkrempelt, nur weil ich meines nicht mehr geregelt kriege.
Fabian scheint meine Gedanken lesen zu können. Wir werden das schon irgendwie hinkriegen, meint er. Hoffentlich.

Es ist Montag. Meine Mutter fährt mich. Als wir uns auf dem Parkplatz verabschieden, nimmt sie mich in den Arm. „Oliver, du musst das hier durchziehen. Das bist du schon allein deinen Kindern schuldig, vergiss das bitte nicht.“
Sie tut mir leid. Hat es nicht leicht gehabt mit mir. Und doch war sie die ganzen Jahre für mich da, so wie das wohl nur Mütter können. Ich bin es nicht nur meinen Kindern schuldig, auch ihr, und letztendlich vor allem mir selbst.

Morgen gehts weiter, Freunde …

Diskussionen

10 Antworten zu “Fast wie eine Klassenreise / Teil I …”

  1. Hennef hätte Dir gut getan.

    Geschrieben von Karl Rannseyer | 10. Januar 2013, 12:22
  2. Narf, ich hasse es!!! :D Ich bin doch so scheiße ungeduldig!

    Geschrieben von waldmonster | 10. Januar 2013, 12:23
  3. Da ist er ja wieder! Das ist Oliver Flesch wie ich ihn mag! Liest sich sehr packend, authentisch und berührt mich. Mehr davon! :-)

    Geschrieben von Sarah | 10. Januar 2013, 12:33
  4. Liest sich gut,
    schwafelst immer schön aber nicht zu ausgedehnt :)
    LIKE

    Geschrieben von Bianca | 10. Januar 2013, 12:46
  5. Sehr persönlich. Danke <3

    Geschrieben von Anna | 10. Januar 2013, 14:12
  6. Berührt mich sehr. <3
    Vielleicht wird ja doch irgendwann mal ein wirklicher Versuch gestartet das Leben umzukrempeln…

    Geschrieben von Mischi | 10. Januar 2013, 14:51
  7. Mich trifft das mitten ins Herz, und zwar SO und SO ……..

    Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 10. Januar 2013, 19:20
  8. Auch gut und macht nachdenklich …

    Geschrieben von Chris | 9. März 2013, 23:12

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Archiv

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 197 Followern an

%d Bloggern gefällt das: