Erinnert Ihr Euch noch an Zoe, Freunde? Ich habe sie Euch im letzten Jahr vorgestellt. Sie ist ein (Ex)-Model im Rentenalter, geht stark auf die Einunddreißig zu. Im Moment durchläuft sie eine Art Sinnkrise und fragt sich, wie sie die Zeit bis zu ihrer Beerdigung rumbekommen soll. Doch heute stellt sich diese Frage nicht. Heute ist Heiligabend. Und die Weihnachtsfeiertage verbringt Zoe bei ihrer Mama in einem kleinen Dorf in der Nähe von München. Dort kommt sie her, dort ist sie zu Hause, dort ist sie nicht Zoe, das Model, sondern Lisa. Lisa Berwald. Mamas kleines Mädchen. Noch immer. So also auch heute.
Obwohl sie es sich im Moment eigentlich nicht leisten kann, steigt Zoe am Münchener Hauptbahnhof in ein Taxi. Sie steht nicht so drauf in Eiseskälte auf einen Bus zu warten und steigt rechts hinten ein. Der schmierige Fahrer muss erst mal seinen Rückspiegel neu justieren, damit er sie auch schön im Blick hat.
„Na, gefällt Ihnen, was sie sehen?“, fragt Zoe.
„Ähhh, aber ich wollte doch nur den Spiegel in die richtige …“
„Schon klar, fahren Sie bitte einfach los, ich möchte Weihnachten zu Hause sein.“
Eine halbe Stunde später steht Zoe vor dem Reihenhaus, in dem sie aufwuchs. Es ist schon fast dunkel, vereiste Pfützen knacken auf dem schmalen Weg zur Haustür unter ihren Lammfellstiefeln. Sie bleibt einen Moment stehen, atmet tief durch, ein köstlicher Bratapfelduft dringt in ihr feines Näschen. Herzerwärmend alles.
Barbara Berwald, Zoes Mutter, schmückt den stattlichen Weihnachtsbaum. Sie hängt die beigen Engelsfiguren an die Zweige und die dunkelroten Kugeln mit dem silbernen Kranz, die Zoe so liebt. Wahrscheinlich weil ein Blick auf sie ausreicht, um ein Ticket für eine Zeitreise zurück in ihre Kindheit zu ziehen.
„Hi, Mama!“
„Oh, Lisa, wie schön, dass du endlich da bist!“
Zoes Mama zündet gerade die Weihnachtsbaumkerzen an, als es an der Tür klingelt.
„Wer kann denn das sein?“, fragt Zoe.
„Och, ich habe nur einen alten Freund, den ich neulich wieder getroffen habe, eingeladen. Ich hoffe, das ist okay für dich, Kleines.“
„Klar.“
Zoe grinst. Wurde auch Zeit, dass ihre Mama mal wieder einen Neuen hat. Wow! Und was für einen! Scheiße, ist der heiß! Etwas zu heiß für ihre Mama, denkt Zoe. So wie dieses Kleid, damals, als sie vierzehn war. Dieses Kleid, das Zoe sich oft heimlich ausborgte, weil sie fand, ihr würde es viel besser stehen. Oh, mein Gott, was ich bin ich nur für eine schlechte Tochter!
Zoe formt ihre Lippen zu einem stummen „Guter Fang!“ und zwinkert ihre Mama zu. Die lächelt stolz.
„Zoe, das ist Marc, vertragt euch gut, denn es könnte sein, dass ihr euch in Zukunft öfter sehen werdet.“
„Oh, das werden wir bestimmt, oder Marc?“
„Da bin ich mir absolut sicher!“, sagt Barbaras neuer Freund und schüttelt Lisa – einen kleinen Moment zu lang – die Hand.
Es gibt Fisch, Baby! Was auch sonst, Zoe isst kein Fleisch. Und im Radio läuft „Last Christmas“.
Mit „Ist das nicht das abscheulichste Weihnachtslied …“, beginnt Marc die Konversation am liebevoll gedeckten Wohnzimmertisch, Zoe vollendet seinen Satz: „… Aller Zeiten? Ja, das ist es!“
„George Michael geht’s ja auch grad nicht ganz so gut.“, sagt Marc.
„Lungenentzündung. Ja, ja, wo er die wohl her hat …“
Barbara guckt fragend in die Runde.
„Na, ständiges Aufsuchen von öffentlichen Herrentoiletten ohne sich erleichtern zu müssen …,
„Zumindest nicht auf die traditionelle Art und Weise.“ schiebt Zoe ein.
„… Zumindest nicht auf die traditionelle Art und Weise, genau, kann schwerwiegende Folgen haben.“
„Ihr meint, er hat sich die Lungenentzündung auf einer öffentlichen Herrentoilette eingefangen?“
„So ähnlich, Mama, so ähnlich.“
„Ach, so! Jetzt weiß ich, was ihr meint! Aids. Ja? Meint ihr wirklich?“
Zoe ist betrunken. Und scharf. Ihr letztes Mal ist zwei Wochen her. Gefühlte zwei Jahre also. Und immer wenn ihre Mama nicht hinsieht, wirft Marc der Tochter seiner Freundin vielsagende Blicke zu. Wie kann er nur? Würde er es wirklich tun? Zoe will es wissen. Sie streift rein zufällig sein Bein mit ihrem Fuß. Wie kann sie nur? Ach, sie will doch nur mal schauen, wie weit er gehen würde. Oder?
Unbemerkt von Zoes Mutter ergreift er unterm Tisch ihren Fuß und schiebt ihn sich zwischen seine Beine. Weit also. Erschrocken zieht Zoe ihn wieder weg. Nicht lang allerdings. Es kribbelt, es ist so verboten, so schrecklich verboten, sie kann nicht anders und massiert nun mit ihren Zehen seinen bereits prallen Schwanz. Fuck, wo soll das enden?! Beim Dessert erst einmal.
Es war ein schöner Abend. Ein aufregender Abend. Aber nun ist er vorbei. Zoe geht zum Schlafen in ihr altes Kinderzimmer. Sie liegt im Bett, denkt an Marc und beginnt an sich herumzuspielen. Nun hört sie auch noch ihre Mutter stöhnen. Laut stöhnen. Fuck! Marc scheint genau zu wissen, was er tut. Fuck! Fuck! Fuck! Sie kommt. Und schläft ein.
Eine Stunde später. Die Tür geht auf. Das ist jetzt nicht wahr, oder? Doch, ist es.
„Hey, Marc, das können wir nicht bringen, echt nicht!“
„Ja, ich weiß, du hast ja recht, aber … wir können es auch nicht lassen.“
Er hat Recht. Zoe stand schon immer auf ältere Typen. Vielleicht, weil sie ohne Vater aufwuchs, vielleicht, weil sie noch nicht einmal wusste, wer ihr Vater war. Da war immer diese Sehnsucht, eine Sehnsucht, die sie nicht genau benennen konnte, weil sie es nicht anders kannte; da war immer diese Eifersucht, dieser Schmerz, wenn sie die tollen Väter ihrer Freundinnen bewunderte. Damals, als sie noch ein kleines Mädchen war.
„Und? Willst du heute Nacht mein kleines Mädchen sein?“
Wusch! Er konnte es nicht wissen, aber Zoe liebt Rollenspiele. Vor allem dieses Eine, dieses so verbotene.
„Ja … Daddy … Das möchte ich.“
Und sie wurde es.
Zoe öffnet die Augen. Ein fahler Lichtschein dringt, unbemerkt von Marc, der auf ihr liegt, durch die halboffene Tür.
Zoes Mutter. Sie sagt nichts, schüttelt nur den Kopf, als ob sie Zoe sagen will: „Tu es nicht!“ Dann schließt sie leise die Tür.
„Marc …“
„Ja?“
„Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt wieder rüber gehst.“
„Was?“
„Es tut mir leid. Ich dachte ich könnte es, aber ich kann es nicht, ich kann es einfach nicht, verstehst du …?“
„Okay, gib mir noch zwei Minuten, okay? Ich bin gleich so weit.“
Und sie gibt ihm die zwei Minuten.
„Bitte geht jetzt, Marc.“
Und Marc geht.
Der nächste Morgen.
Zoe dreht das heiße Wasser auf und versucht sich das Schamgefühl abzuwaschen. Vergeblich. Etwas später in der Küche blicken beide aneinander vorbei. Keiner hat den Mut dem anderen in die Augen zu sehen.
Es ist Zoes Mutter, die das Schweigen bricht: „Er ist weg.“
„Oh, Mami, es tut mir so leid! Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist!“
„Es ist schon gut, Kleines.“
„Nein, ist es nicht!“
„Doch ist es. Wirklich. Du hast mir gezeigt, was er für ein Arschloch ist. Womöglich hätte ich mich wieder auf ihn eingelassen und wärest du es nicht gewesen, wäre eine andere gekommen, mit der er mich betrogen hätte …
… ähm, mal etwas anderes: Habt ihr verhütet?“
„Natürlich, ich nehm die Pille. Das weißt du doch.“
„Na, Gott sei dank! Lisa, du musst mir Eines versprechen …
Du darfst niemals wieder mit Marc schlafen.“
„Nein, Mama, natürlich nicht, wie gesagt, ich kann es mir ja selbst nicht erklären und …“
„ … niemals wieder, hörst du?!“
Zoe wird übel. Sie sendet ein lautloses Stoßgebet gen Himmel: „Lieber Gott, lass diesen Gedanken meinem kranken Hirn entsprungen sein. Lass ihn nichts mit der Realität zu tun haben!“
Um einschätzen zu können, was letzte Nacht wirklich geschah, braucht Zoe mehr Informationen. Sie traut sich nicht ihre Mutter direkt zu fragen, tastet sich langsam vor: „Mama, war es das jetzt mit dir und Marc?“
„Natürlich, Kind.“
„Das verstehe ich.“
„Nein, Kleines, das verstehst du nicht wirklich. Er hat mich schon einmal auf eine ganz miese Art und Weise betrogen. Damals, weißt du …“
„Vor dreißig Jahren?“
„Fast. Vor einunddreißig Jahren, um genau zu sein.“
Und nun weiß Zoe, was sie letzte Nacht getan hat. Wer der Mann war, mit dem sie geschlafen hatte. Dass es mehr als ein Betrug an ihrer Mutter war. Viel mehr.
Tränen kullern über ihre Wangen, benetzen ihre Lippen und schmecken bitter. Sie kann nicht mehr ruhig sitzen, sie springt auf, hastet wie von tausend Teufeln gejagt durch die Küche. Da ist diese eine Sache, die sie unbedingt wissen, diese eine Frage, die sie unbedingt stellen muss.
Sie versucht die drei Worte „Wusste er es?“ herauszupressen, doch sie schafft es nicht. Die Angst vor der Antwort ist zu groß. Zoes Mama kennt ihre Tochter besser, als diese sich selbst. Sie weiß genau, was gerade in ihr vorgeht. Und weil Mütter ihre Kinder stets schützen, ganz egal, was sie auch verbrochen haben, weiß Zoes Mama, dass sie ihr kleines Mädchen – denn das wird es immer bleiben, ihr kleines Mädchen – nun erlösen muss: „Nein, Lisa. Er wusste es nicht. Natürlich nicht. Er ist ein Arschloch, ganz ohne Zweifel, aber er ist kein krankes Arschloch.“

Die Geschichte ist nicht wahr.
Geschrieben von tacatacataca | 23. Dezember 2012, 11:45egal ob wahr oder nicht, ich sitze auf jedenfall mit aufgerissenen Augen und offenen Mund da! Gute Story, sehr gute!
Geschrieben von linda | 23. Dezember 2012, 15:11Das auf jeden Fall. Ich will von Oli nur wissen, warum die Mutter es so lang vor der Tochter verheimlicht hat.
Geschrieben von tacatacataca | 23. Dezember 2012, 16:03Oder sollte das die Überraschung werden, zu Heiligabend, denn der ist erst am 24. Dann wäre deine Geschichte perfekt. Du schreibst aber “Heute ist Heiligabend”.
Geschrieben von tacatacataca | 23. Dezember 2012, 16:25Hier Oli, was zum lachen. Ich bin anscheinend nicht der einzige, der mit 47 manchmal etwas “verwirrt” ist.
Geschrieben von tacatacataca | 23. Dezember 2012, 16:37So verwirrt, dass ich gerade Tränen lache, obwohl ich völlig nüchtern bin.
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mann-stuermt-mit-machete-in-kirche-in-wittlich-a-874544.html
Geschrieben von tacatacataca | 23. Dezember 2012, 16:39Daddy kiss me ! Inzestgeschichten und Fantasien erfreuen sich großer Beliebtheit. Unabhänigig davon, dass es für viele ein Tabu dastellt, ist dieses Thema ein verbreitete Fantasie.
Geschrieben von anna | 23. Dezember 2012, 22:13Geil.
Geschrieben von M. | 27. Februar 2013, 02:35Hahaha!
Geschrieben von Oliver Flesch | 27. Februar 2013, 02:46Heftige Geschichte, aber sehr Lehrreich.
Geschrieben von Max Hardcore | 18. April 2013, 18:13In wie fern?
Geschrieben von Oliver Flesch | 18. April 2013, 18:14