Als wir uns im August kennen lernten war mein Kühlschrank leer, wie der Lauf einer Fünfundvierziger kurz bevor sie dir den Schädel wegpustet. In alten Tagen hätte ich versucht meinen finanziellen Engpass eine Weile zu verschleiern, doch heute wäre mir das zu anstrengend. Nimm mich, wie ich bin, oder zieh weiter, mein Mädchen.
Wir trafen uns in meiner First-Date-Stammlocation, oben auf dem Kreuzberg. Für mich der beste Platz von ganz Berlin. Sie gefiel mir. Sehr sogar. Was ein klein wenig mit meiner äußerst geringen Erwartungshaltung zusammenhing. Ich kannte sie nur vom Chatten – mit ihrer Zeichensetzung (welche Zeichensetzung?), mit ihrer Rechtschreibung, ihrer Grammatik, hätte sie die Pisastudie ganz allein um ein paar Punkte nach unten ziehen können; ich kannte nur ihre Fotos und auf denen wirkte sie gerade so eben fickbar, mit viel gutem Willen aber auch nur. Umso überraschter war ich, als sie mit einem umwerfenden Lächeln vor mir stand, umso erfreuter war ich, als sie kluge Sätze unfallfrei herausbekam.
Wir saßen also auf diesem Berg mitten in der Stand, tranken Weißwein aus der Flasche, redeten stundenlang und der Schein des Mondes, der halb am Himmel ging, ließ ihr Gesicht noch hübscher wirken, als es eh schon war.
Irgendwann küssten wir uns. Sie wollte mit mir schlafen, was sich gut traf, ich wollte es auch. Ich wohne nur einen Steinwurf vom Kreuzberg entfernt, doch zu mir, nee, das war nicht drin, meine Bude war wieder einmal in einem Dresden ’45-Zustand. Also zu ihr. Es fuhr keine Bahn mehr, wir nahmen den Bus von Kreuzberg nach Neukölln.
In inniger Umarmung standen wir in der Mitte des vollbesetzten Nachtbusses.
„Die gucken alle, die denken bestimmt, du bist mein Vater – Oh, das macht mich so scharf!“, sagte sie. Was für ein Satz. Was für ein großer Satz: Ich konnte die „Who’s your Daddy?!-Nummer, die mich gleich erwarten sollte, kaum abwarten. Vorher wurde mir – ohne Scheiß – erstmals bewusst, dass ich augenscheinlich nicht mehr für Dreißig durchgehe.
Tags drauf telefonierten wir. Wies mir gehen würde, Dies/Das, ganz okay, meinte ich, bis darauf, dass ich hungrig sei und mir die Zigaretten ausgegangen wären.
„Pass auf …“ sagte sie, „Du setzt dich jetzt in die Bahn und kommst zu mir!“
Das Mädchen hat selbst wenig Geld. Doch es reichte, um mir Kippen zu kaufen und mit mir essen zu gehen. Nicht in einen Imbiss oder so, sie hatte sich Gedanken gemacht, sie wusste viel über mich, viel mehr als ich über sie, Dank dieses Blogs, sie wusste, dass ich kein Fleisch esse, dass ichs gern gesund mag, wir landeten in einem sündhaft teuren Biorestaurant.
Nun könnte man sagen: „Ein dreiundvierzigjähriger Mann lässt sich von einer neunzehn Jahre jüngeren Frau einladen – wie erbärmlich ist das denn?!“ Nur zu. Interessiert mich nicht. Ich stehe über diesen Dingen. Ich bin ein moderner Mann. Ihr wolltet die Emanzipation? Hier habt ihr sie. Live on Stage. Das Ganze ist ja auch keine Einbahnstraße. Habe ich Geld, zahle ich. Wir machten schon gemeinsame Kasse, als wir noch gar nicht wirklich zusammen waren. Wie es sich gehört. Für Bonnie. Und Clyde.
Es ging mir nicht um die Zigaretten, nicht um die leckere Pasta, nein, es ging mir um ihre Fürsorge. Ich genoss ihre – sie hört dieses Wort nicht gern, aber es trifft es am besten – mütterliche Art so sehr. Die meisten Männer, und wenn sie noch so hart tun, wollen auf die eine oder andere Art und Weise umsorgt werden.
Gott, wie lange hatte ich das nicht mehr erlebt!
Die Frau, mit der ich vor ihr zusammen war, verdiente etwa drei Mal so viel, wie die jetzige. Einmal besuchte sie mich, da kam sie gerade von einem Lagerverkauf bei Zalando. Sie konnte die Tüten kaum tragen. Bestimmt acht Paar.
„Schau mal, die hier hab ich eigentlich nur für dich gekauft!“, sagte sie.
„Wie schön.“, erwiderte ich. Ich hätte ihr die High Heels im Stil der fünfziger Jahre am liebsten in den Arsch gerammt. Nicht, dass sie mir nicht gefallen hätten, sie gefielen mir sogar sehr, aber wieso kauft sie acht paar Schuhe zu Spottpreisen im Ausverkauf und bringt mir nicht ein Paar mit?! Und wenn es Flip-Flops für fünf Euro gewesen wären? Versteht mich nicht falsch: Es ging mir nicht um ein paar neue Schuhe. Ich habe genug. Es ging mir um die Geste. Die ausblieb. Wieder einmal.
Dabei ist diese Frau eigentlich ein großzügiger Mensch. Wenn ich Geld brauchte, gab sie mir welches. Aber die kleinen Dinge, die wirklich zählen, die Gesten, die eine Liebe erst liebenswert machen, die hatte sie einfach nicht drauf. Bei mir zumindest nicht. Mir mal etwas zu Trinken anzubieten zum Beispiel. Ich konnte ihren kompletten Kühlschrank plündern, das war okay für sie, aber das ist eben nicht dasselbe. Ich war fast zwei Jahre mit dieser Frau mehr oder weniger zusammen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich in diesen zwei Jahren auch nur einmal – Ohne das ich fragte: „Krauelst du mich?“ – gestreichelt hätte.
Eben las ich meiner Freundin diesen Text vor. Sie war so gerührt; sagte: „Über mich so liebevoll zu schreiben, ist das schönste Geschenk, das du mir machen kannst. Viel schöner, als alles, was man für Geld kaufen kann.“
Sie hat verstanden.

Wundervoll.
Geschrieben von Aca | 17. Dezember 2012, 11:02Danke, Mann! ♥
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 11:14traurig… oder?
Geschrieben von suzzy | 17. Dezember 2012, 11:36man muss es lieben !
sei stolz auf deine Freundin,sie liebt dich ganz einfach wirklich -:)
Geschrieben von Sylvia Stoerk | 17. Dezember 2012, 11:4043 ist ein tolles Alter!
Geschrieben von Rock'n Ralf | 17. Dezember 2012, 11:41Find ich auch.
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 11:51genau genommen sind es NUR die kleinen dinge. die gesten, blicke, manche worte. das eben, was vom jeweiligen gegenüber kommt und liebe und zuneigung ausstrahlt. das ist nie das große geschenk, sondern immer die geste. und es reicht schon dieser intensive blick, bei dem du meinst, in ihr herz schauen zu können und alles warme dieser welt spürst. auch wenn selbst der manchmal falsch ist
Geschrieben von bettersight | 17. Dezember 2012, 11:43genauso isses….die Menschen,die diese kleinen Gesten verstehen,sind es auch wert,geliebt zu werden
Geschrieben von Steffi | 17. Dezember 2012, 11:44Ach, da krieg ich doch glatt ganz feuchte Augen, soooo schön is das….
Geschrieben von Frollein Unmöglich | 17. Dezember 2012, 11:44❤
Wunderschön!
Als du geschrieben hast, daß sie 19 Jahre jünger war/ist als du, da war mir schon klar, dass sie auch deine derzeitige ❤ ist…!!!
Also habt Ihr alles richtig gemacht!
Freut mich für dich, Oliver!
Geschrieben von Sonja Lindenbaum | 17. Dezember 2012, 11:56Das liebe ich an dir. Wenn hinter der harten Fassade die leisen Töne hervorkommen, wo aus dem Fucking-King der Mann mit den Gefühlen hervorkommt.
Ein wunderbarer Text für eine sicher wunderbare Frau.
Geschrieben von einfachanke | 17. Dezember 2012, 12:06Sehr geil! Bester Satz :Nimm mich, wie ich bin, oder zieh weiter, mein Mädchen!
Geschrieben von Papawanker | 17. Dezember 2012, 12:06♥
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 12:11Traumhaft schön !!! Es scheint,als hättest auch Du verstanden,worauf es ankommt ..Nicht immer selbstverständlich bei Männern..
Geschrieben von michaelanadan | 17. Dezember 2012, 12:35Ok.. überzeugt… Gutschein kommt per PN
Geschrieben von cloudtheshinrakiller | 17. Dezember 2012, 13:00♥
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 13:11Die Zalando-Story stimmt übrigens. Stimmt natürlich alles. (Meine Wahrnehmung.) Ich betone es nur für meinen Freund von Zalando.
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 13:12Das will ich aber auch stark hoffen, Oli.
Darum geht es doch wohl, bei den wahren Männern. Um Wahrheit, und um Männer, und um die Wahrheit über Männer, und ihrer Suche nach der Wahrheit, und der nach wahrer männlicher Identität. Abseits aller Klischees und Stereotypen, wenn sie sich nicht als wahr entpuppen. Denn die Wahrheit wird euch frei machen, Männer, denn sie macht euch authentisch, ganz und heil. Heilung, die Männer wie zumindest ich bitter nötig haben, um nicht an unserem Schmerz und unserer Traurigkeit, an unserem Kummer und Ängsten zu zerbrechen. Denn wir können euch lieben, Mädels, aber euer eigenes Päckchen müsst ihr schon auch selbst tragen.
Geschrieben von Aca | 17. Dezember 2012, 14:16auf das es laaaaaange haelt!
– meine ich voll ernst! -
Geschrieben von matty | 17. Dezember 2012, 13:21
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 13:37love it!
Geschrieben von whostheman? | 17. Dezember 2012, 13:40Liebe und Zuneigung, sind noch immer unbezahlbare Werte
und ich liebe diesen Text
Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 17. Dezember 2012, 15:24das ist wirklich wunderschön. schade dass es immernoch männer gibt die denken sich umsorgen zu lassen und auch mal zu akzeptieren wenn die frau zahlt oder zuzugeben auch mal kein geld zu haben wäre nicht männlich. hab ich leider schon zu oft erlebt dass es einer nicht konnte.
meine bisher längste beziehung war mit einem mann der mir in all den jahren nur 2 oder 3 mal was geschenkt hat was andere als geschenk werteten, aber die unzähligen male wenn er essen kochte, weil er früher daheim war oder er mich einfach mal wortlos im arm hielt wenn ich total fertig oder entnervt war, sind unvergesslich und unbezahlbar. und ja, ich habe selbiges für ihn auch gemacht bzw die entsprechenden pendants
das ausbleiben eben dieser dinge läutete unser gemeinsames ende ein, aber es war trotz hässlichem ende eine gute zeit und das werde ich nie vergessen.
Geschrieben von Inked Peach | 17. Dezember 2012, 15:57wunderschön! Ich verstehe so genau was du meinst, so genau!! <3 Mensch ich wünsch euch nur das beste! Ich seh sie schon im geiste wie sie an Heilligabend in Höschen und Shirt fröhlich singend durch die Bude schwebt und dir zwischendrin ein Plätzchen in den Mund schiebt, während du ihr seelig lächelnd nachschaust!
Ich bemerke derweil oft, das Männer denken Frauen haben rießige Erwartungen, wollen dauernd Geld und Geschmeide und noch mehr und mehr! Für mich ist das wertvollste Geschenk, gemeinsame Zeit! Nicht mehr und nicht weniger und genau das hab ich mir dieses jahr gewünscht!
Geschrieben von linda | 17. Dezember 2012, 16:49Hiermit hast du den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen
Genau SO muss Sie sein!
Geschrieben von David Pintscher | 17. Dezember 2012, 16:53Danke, Alter!
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 17:06Große Worte,über die kleinen Dinge,die sooo wichtig sind.best Bro!
Geschrieben von Robert | 17. Dezember 2012, 17:26Danke, Mann!
Geschrieben von Oliver Flesch | 17. Dezember 2012, 17:45Na das freut mich ja für dich,dass du nicht mehr in dieser “Zweisam-Einsamkeit” lebst…
Geschrieben von Bluelight | 17. Dezember 2012, 18:16Natürlich hat sie das
Das ist wirklich sehr schön
Geschrieben von Bianca | 17. Dezember 2012, 21:30Ey, ich bin auch 43 und geh zum Glück locker für 34 durch, aber ich kenn das, dass einem diese Zahl ganz plötzlich bewußt wird und man dann anfängt, sich mit anderen 43jährigen zu vergleichen. Das hilft immer, ich bin dann ganz schnell wieder bei meinem gefühlten Alter. Und das hat mit der Zahl echt nix zu tun. Und hach, wie gern würde ich den Mann, den ich liebe, ein bisschen verwöhnen. Das Glas Wasser oder den Tee ans Bett bringen. Hab ihm noch nen Adventskalender geschenkt, bevor ich unsere Affäre beendet hab…
Sie scheint echt süß zu sein, du Glückspilz
Geschrieben von MizzLizz | 18. Dezember 2012, 09:22Lese den Anfang eurer Lovestory ja erst viel zu spät…
Schöner hättest du es echt nicht sagen können.
Weiterhin viel Glück euch beiden.
Über das Biorestaurant muss ich immer noch lachen, aber jedem das Seine
Geschrieben von Mischi | 25. Dezember 2012, 02:55real life…und dann noch die Umwandlung der Erzählform “sin-citys” in die Schreibform (hat mich zumindest daran erinnert)…sehr cool.
Geschrieben von pirat72 | 30. Januar 2013, 12:07Danke, Mann!
Geschrieben von Oliver Flesch | 30. Januar 2013, 12:08So was von auf’n Punkt!
Mag Deine Schreibe.
Und teile Deine Sichtweise in diesem Falle voellig.
Lese Dich seit ner Weile aus’m afrikanischen Busch.
Ist wie ne Bruecke zu alten Zeiten.
Danke dafuer!
Geschrieben von scharri | 6. Februar 2013, 02:06Was machste da?
Geschrieben von Oliver Flesch | 6. Februar 2013, 02:07In der Kindheit zu viel Marco Polo gelesen schaetze ich..
War wohl auf der Suche nach Herausforderungen ausserhalb des Gewoehnlichen, womit ich mich oft nach kurzer Zeit gelangweilt fuehlte.
Nach Zeiten in Asien bekam ich hier die Nuesse zu knacken die Mich bis heute bescheaftigen.
Und, wesentlich, wie Du ganz sicher weisst, ich habe mich in den Typ Meadchen hier verguckt.. Und die Art unverfealschte Leidenschaft, die die Natur von sich aus gibt, solange keine Lektueren von “Frauenzeitschriften” zum Charakter durchdrangen mit Hinweisen zum Umgang mit Meannern..
Erhaltene Schamlosigkeit im positiven Sinne gepaart mit kultureller Verankerung im Glauben an echte Gefuehle ist’s was mich hier anfixte..
Anyway.
Ich mag Deine Stories aus’m Leben.
Gut dass Du sie niederschreibst!
Geschrieben von scharri | 6. Februar 2013, 15:19