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Mixtape

Du fehlst …

Meine Mutter etwa 1967 ...

Meine Mutter etwa 1967 …

Für Dich. Für meine Jungs. Und alle anderen, die diesen Schmerz nachempfinden können; für die, denen er noch bevorsteht; und vor allem für die Menschen, die ihn nicht mitfühlen können, weil sie niemals auf diese Art und Weise geliebt wurden …

Und ich wollte noch Abschied nehmen. Das werd ich mir nie vergeben.
Man, wie konntest du von uns gehen. Jetzt soll ich dich nie mehr sehen.  
Xavier NaidooDu bist so weit weg, und doch so nah. Viel näher als damals, als Du noch in meiner Nähe warst. Es hängt kein Foto von Dir in meiner Wohnung, ich trage keines in meinem Portemonnaie. Du weißt, ich habe noch nicht einmal ein Portemonnaie, mein Geld, wenn ich welches habe, steckt noch immer locker in meiner Hosentasche. Ich brauche kein Bild von Dir, um mich an Dich zu erinnern. Du bist allgegenwärtig. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Dich denke. Es sind keine schönen Gedanken, dafür ist es noch zu früh. Es ist sind eher Fragen. Was würdest Du hierzu sagen, was dazu, was würdest Du mir raten, solche Fragen.
Manchmal träume ich von Dir. Es sind aufregende Träume, obwohl in ihnen gar nicht viel passiert, oberflächlich betracht, doch Du bist in diesen Träumen bei mir, aufregender geht es kaum.

Neulich ging es bei „How I Met Your Mother“ um die letzten Worte, die Marshalls Vater vor seinem Tod zu ihm sagte. Es war irgendetwas Triviales, was Marshall sehr traurig machte. Ich wünschte, ich könnte mich an ein paar triviale letzte Worte von Dir erinnern. „Ich verrecke hier und es interessiert dich einen Scheiß!“, sind die letzten Worte, die ich von Dir erinnere. Keine Sorge, ich weiß, dass Du es nicht so gemeint hast. Ich weiß, dass Du mich nur wieder einmal, ein letztes Mal, vor mir selbst schützen wolltest; mir bewusst machen wolltest, was wirklich zählt.
Als Thorsten (mein Bruder, Freunde) mir schließlich am Telefon sagte, „Mit Mama geht es zu Ende, sie wird die Nacht nicht überleben.“, ich so schnell es ging von Berlin zu Dir nach Hamburg fuhr, konntest Du schon nicht mehr sprechen. Du bekamst kaum Luft, Deine Augen waren weit aufgerissen und voller Todesangst, aber Du hast, wie es so Deine Art war, zum allerletzten Mal all Deine Kraft zusammen genommen und unsere Hände gedrückt. Die Deiner Schwester, Deiner Nichte, Deines Enkelkindes, die von Thorsten und meine. Es war kein schöner Abschied. Aber es war wenigstens einer.

Man sagt, die Seele würde den Krebs nähren. Sollte das stimmen, habe ich ihn gut gefüttert in all den Jahren. All die Sorgen, die Du Dir um mich machen musstest. Das werde ich mir nie verzeihen.

Was bleibt? Oh, so viel. Erinnerungen natürlich. An unsere Urlaube vor allem. Damals, in den 70ern und 80ern. Immer Spanien, dafür jedes Jahr eine neue Insel. Kalifornien ’97, Du und ich und der kleine Joel. Wie wir unser Wohnmobil abseits der schönsten Straße der Welt, dem Highway One, an einer Klippe parkten, uns das Geräusch der Brandung in den Schlaf wiegte und morgens weckte.

Kalifornien. Für mich das Paradies. Auch meine Mutter liebte es ...

Kalifornien. Für mich das Paradies. Auch meine Mutter liebte es …

„Ich wünschte, es wär noch mal viertel vor sieben, und ich wünschte, ich käme nach Haus.“, singt Reinhard Mey, den wir beide so sehr mochten, in einem seiner schönsten Lieder. Das wünschte ich auch. Dass Du die Tür öffnest, zaghaft lächelst, sagst, „Na, Olli … zieh bitte die Schuhe aus, ich hab gewischt.“; Bratfisch in der Pfanne brutzelt, der Salat mit dem leckersten Dressing der Welt auf dem Tisch steht, (für das Du mir nie das Rezept geben konntest, weil Du es, wie alles, „frei nach Schnauze“ zusammenzaubertest), der Duft der frischen Erdbeeren in der Quarkspeise. Nach dem Essen noch einmal mit Dir am Wohnzimmertisch sitzen und reden und lachen und spielen. „Backgammon“, „Phase 10“ oder „Siedler“, wenn Joey oder Joel (meine Söhne, Freunde) da waren. Ja, das wäre es.

Aber Erinnerungen sind längst nicht das Einzige, was blieb. Du und Papa, ihr habt mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Meine Schwächen schreibe ich mir selbst zu, aber meine Stärken, die kommen von Euch. Am dankbarsten bin Euch für die unendliche Liebe, die Ihr mir schenktet. Durch sie habe ich gelernt, was es bedeutet Liebe zu geben, Liebe zu empfangen. Dass die Kalenderblattweisheit „Liebe ist alles, ohne Liebe ist alles nichts.“, kein Klischee, viel mehr die Wahrheit ist.
Ich weiß, was Du jetzt denkst, da stimmt doch schon wieder irgendetwas nicht mit dem Jungen. Aber Du musst Dir keine Sorgen machen. Wirklich nicht. Du kennst mich, ich komm zurecht. Irgendwie. Irgendwie immer. Näheres willst Du gar nicht wissen. Du würdest es eh nicht verstehen. Die heutigen Frauen, ach, Mensch, Mama, das ist eine andere Generation, die ich selbst kaum noch verstehe.
 
Ich muss jetzt aufhören. Dieser Text ist erst einmal für Facebook und ich soll doch „nicht soviel Zeit auf Facebook verplempern“, das hast Du mir doch damals schon gesagt.
 
Nur Eines noch: „Du bist das Beste, was mir je passiert ist!“, heißt es in einem Popsong. Und ja, Du warst das Beste, was mir je passiert ist …

In Liebe auf ewig …

Dein Großer

In den frühen Siebzigern. Es waren wohl die Zigaretten ...

In den frühen Siebzigern. Es waren wohl die Zigaretten …

Diskussionen

18 Antworten zu “Du fehlst …”

  1. die schönste liebeserklärung die ich je gelesen habe!! So wunderschön! Deine Mum war sicher immer stolz auf dich und wäre es heute noch…

    Geschrieben von linda | 14. Dezember 2012, 12:10
  2. Eine schöne Hommage an deine Mama. Mir fehlen ein wenig die Worte…

    Geschrieben von einfachanke | 14. Dezember 2012, 12:14
  3. Ich habe Tränen in den Augen. :)

    Geschrieben von Phoebe | 14. Dezember 2012, 12:18
  4. solche schönen worte können nur wahre männer schreiben…dass…was du hinter deiner fassade meistens versteckst und verborgen hälst…..ist die andere, weiche seite des oliver flesch….ein starker kontrast zu dem…was du sonst von dir zeigst…..und es ist genau diese mischung…die uns so einzigartig und interessant macht….ich mag männer…die ihre mutter verehren……die frau als frau achten…..und gleichzeitig …im spiel der erotik die frau als dreckstück und schlampe behandeln….und danach wieder umzwitschen können…..leider beherrschen diese kunst nur wenige…aber ich bin fast davon überzeugt…dass du diesen spagat gut hinkriegst…. dein beitrag gefällt mir!!!

    Geschrieben von Neznerol Ekna | 14. Dezember 2012, 12:42
  5. Sprachlos! WUNDERSCHÖN!!!
    Deine Mom ist stolz auf Dich! Und das hat sie Dir täglich gezeigt. Wahnsinns Zeilen!!!

    Geschrieben von Manuela | 14. Dezember 2012, 12:46
  6. - ohne Worte -

    Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 14. Dezember 2012, 13:02
  7. So schön und so traurig.

    Geschrieben von fruechtchen666 | 14. Dezember 2012, 13:13
  8. ♥♥♥ sooo schön. Ich hoffe, du hattest die Möglichkeit, ihr noch selbst zu sagen, was sie dir bedeutet.

    Geschrieben von Michaela | 14. Dezember 2012, 13:30
  9. ❤❤❤
    Oliver, ich sitze hier und weine…
    - Das kommt bei mir nicht oft vor, nur wenn mich wirklich etwas berührt!
    Wunderschön, bitte mehr davon; das zeigt einen ganz anderen Oliver!
    Mit Fisch (Backfisch) verbinde ich meine Kindheit ebenso; war als Kind jeden Samstag mit der Familie in Holland zum Backfisch-Essen und fand die Zeit einfach nur toll!
    Vielen Dank!

    Geschrieben von Sonja Lindenbaum | 14. Dezember 2012, 14:00
  10. Parla italiano, ragazzo? ;)

    http://vimeo.com/15260564

    Geschrieben von Aca | 14. Dezember 2012, 14:29
  11. furchtbar dolle Gänsehaut und Herzstechen…Deine Geschichten wirken immer so nach…Danke Oli.

    Geschrieben von auguste | 14. Dezember 2012, 14:46
  12. Deine Zeilen haben mich sehr berührt. Und die Tränen kullern…
    ❤ Dankeschön❤

    Geschrieben von Kirstin | 14. Dezember 2012, 15:31
  13. einfach wunderbar und nichts und niemand kann die die Liebe und all die Erinnerungen an die schoene Zeit nehmen;) ich bin sehr froh meine mum noch zuhaben und egal welchen Mist ich auch gebaut habe ,sie stand ,nein steht immer hinter mir ;) Ich liebe sie !

    Geschrieben von Sylvia Stoerk | 14. Dezember 2012, 18:47
  14. Oh weh, ich wurde mir in den letzten Tagen auch erst bewusst, dass mein Vater nicht auf Ewig dasein wird und allein die Tatsache macht mich jetzt schon traurig…toll, nun heul ich auch noch, danke :(

    Trotz Tränchen, oder gerade deswegen, ein sehr sehr toller Text!

    Und mal wieder eine dezente Songempfehlung: http://www.youtube.com/watch?v=CZP-uk2CjQo

    Geschrieben von waldmonster | 14. Dezember 2012, 19:05
  15. wow, wunderschöne worte die ich nur zu gut nachvollziehen kann. es tut weh einen menschen zu verlieren mit dem einen eine bedingungslose liebe verbunden hat und auch jahre später denke ich an die person die es in meinem fall war und empfinde sehnsucht aber auch das glück dass es diesen menschen gab.
    feel hugged big boy

    Geschrieben von Inked Peach | 14. Dezember 2012, 21:08
  16. Hammer. Hatte wirklich Tränen in den Augen.
    Das hast du wunderschön geschrieben.

    Geschrieben von Sonia Who? | 14. Dezember 2012, 22:01
  17. Wirklich sehr schön geschrieben,
    ich kannte den Text schon und heul jetzt trotzdem wieder.
    Meine Eltern leben noch und sind fit, Gott sei Dank.
    Wenn alles gut läuft werde ich sie überleben,
    wie furchtbar, wäre es anders.
    Das ist der Lauf der Dinge.
    Mein Sohn ist nur 16 Jahre jünger als ich,
    Männer haben eine niedrigere Lebenserwartung als Frauen,
    sollte es gut gehen überlebt er mich.
    Wenn nicht, hoffe ich, daß er dann alt und grau ist

    Geschrieben von Bianca | 19. Dezember 2012, 09:13

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