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Mixtape

Der Blues der dritten Jahreszeit: Wo ist er hin, der Mann auf dem Foto?

Besagter Dosenöffner in Schwarzweiß.                                                                 © Lia May Berlin

A farmer and a teacher, a hooker and a preacher, ridin’ on a midnight bus bound for Mexico.
One was headin’ for vacation, one for higher education and two of them were searchin’ for lost souls.

Randy Travis / Three Wooden Crosses 

Sie hatte versucht an mich ranzukommen. Dabei nichts ausgelassen. Na ja, außer mit heruntergelassenem Slip auf meinem Gesicht Platz zu nehmen.
Guter Einstieg. Passt nur nicht so wirklich zu meiner heutigen Geschichte. Neuer Versuch …

„Wo ist der Mann auf dem Foto hin?“, fragte mich die Frau, die ich erst ein paar Stunden zuvor kennengelernt hatte. Wir saßen auf meinem Bett, dem einzigen Platz in meiner Wohnung, der nicht von Klamotten, Büchern und Zeitschriften übersät war, dem einzigem Platz also, auf dem man sitzen konnte, als sie mir diese Frage stellte.

Ich wusste sofort, welches Bild sie meinte. Sie sprach von diesem Dosenöffner in Schwarzweiß, meinem Facebookprofilfoto. Ich hätte am liebsten irgendetwas Lässiges geantwortet, doch ich versuchte gar nicht erst mir eine lässige Antwort zu überlegen, mir wäre eh keine eingefallen, weil es auf diese Frage keine lässige Antwort gab. Die Frage war wie ein Schuss zwischen die Augen und so schoss ich zurück:
„Der Mann auf dem Foto? Den hat es nie gegeben, Herzchen.“
Ja, ich sagte tatsächlich „Herzchen“ um doch noch einen Schuss Lässigkeit in meine Antwort zu packen. Ich hätte auch wie Humphrey Bogart in seinen alten Schwarzweißfilmen „Kindchen“ sagen können, das hätte auch besser zu meinem Foto gepasst, aber sie war mit ihren achtundzwanzig Jahren einfach zu alt für dieses wunderschöne Wort.

„Wie meinst du das, nie gegeben?“
„Es ist nur ein Foto, okay? Nur ein Scheißfoto … – und ja, ich sollte mal wieder zum Training gehen, sonst noch was?“
„Oh, du bist sauer.“
„Ach, was!“ Klar war ich sauer.
„Klar biste sauer! Aber hey, das musst du nicht. Du hast mich missverstanden. Hältst du mich für so oberflächlich? Glaubst du, es geht um fünf Zentimeter Oberarmumfang mehr oder weniger?“
„Drei Zentimeter.“
„Wie?“
„Drei Zentimeter. Seit dem Foto. Nicht fünf. Ich hab drei Zentimeter Oberarmumfang verloren. Nicht fünf. Wollen doch bei der Wahrheit bleiben.“
„Du Spinner!“, sagte sie lachend. Nun musste ich auch lachen. Ich mochte sie. Nun noch mehr. Sie war nicht oberflächlich. Es ging ihr nicht um drei Zentimeter Oberarmumfang mehr oder weniger. Aber worum dann?

Sie war gerade verlassen worden. Auf eine ziemlich unangenehme Art und Weise. Und auch mein Liebesleben meinte es in den letzten Monaten nicht gut mit mir. Ihr Plan war, dass wir unsere Seelen gegenseitig retten, indem wir uns wie zwei untergehende Menschen aneinanderklammern. So in etwa drückte sie sich aus. Das konnte nicht klappen. Schon das Bild stimmte nicht. Was passiert mit zwei untergehenden Menschen, die sich aneinanderklammern? Sie ertrinken. Genau. Wenigstens einer von beiden sollte ein guter Schwimmer sein. Bin keiner. War nie einer. Werde nie einer sein.

Mein Foto, mein ganzer virtueller Auftritt würde so viel Selbstsicherheit und Stärke ausstrahlen. Wo die denn bitteschön geblieben seien, fragte sie. Bestimmt nicht in meinem traurigen Gesichtsausdruck, in meinem ganzen desperaten Gehabe grad, nicht in diesem Drecksloch hier.
Alles nur Fassade, Herzchen. Na ja, alles vielleicht nicht. Selbstsicher, das bin ich schon. Sehr sogar. Aber stark? Nicht wirklich. Der Grund dafür liegt wie so oft, wie bei so vielen, in meiner Kindheit und Jugend. Die Zeit in der sich Stärke und Selbstbewusstsein bildet. Meine Eltern – mein Vater vor allem – so erklärte ich ihr, haben mich stets aus allem herausgeboxt, ich brauchte nicht stark zu sein, ich musste nicht kämpfen, nie wirklich für meinen Shit geradestehen.
 
Ich wollte sie nicht weiter mit Geschichten aus meiner Kindheit langweilen. Es war eh Jammern auf höchstem Niveau. Gibt weitaus Bittereres als Eltern, die sich um ihren Jungen kümmern, die für ihn da sind, ganz egal, was er auch ausgefressen hat. Es war die Liebe, die sie mir schenkten, die mir mein Selbstbewusstsein gab.
Aber lassen wir das Thema. Ficken?

Diese „Wo sie schon mal da ist.“-Ficks kann man sich eigentlich schenken. Kann mich an keinen einzigen erinnern, der sich gelohnt hätte. Aber wer weiß? Irgendwann soll ja immer das erste Mal sein. Und im Chat und am Telefon hatte sie mich mit ihrer devoten Art ziemlich erregt. Also los …

War klar. Hätts mir schenken können. Sie kam noch nicht einmal. Gibt Männer, die das einen Scheiß interessiert. Ich gehöre nicht zu diesen Männern. Nicht nur aus Frauenfreundlichkeit. Auch aus eigenem Interesse. Es macht mich an, wenn sie kommen, es turnt mich ab, wenn sie es nicht tun. Es turnt mich schon ab, wenn ich mich anstrengen muss, um sie zum Kommen zu bringen. Nicht, dass ich mir keine Mühe geben mag; nicht, dass ich mich auch mal mächtig ins Zeug lege, aber ich möchte es freiwillig tun, ohne den Druck orgasmusgestörte Frauen heilen zu müssen.
 
Sie kam also nicht. Eine Frau mit sexueller Größe findet sich damit ab. Ihr war diese Größe nicht gegeben. Sie nötigte mich dazu es ihr mit Zunge und Fingern zu besorgen und ihr dabei schmutziges Zeug ins Ohr zu flüstern. Gibt Schlimmeres? Klar. Wenn du nicht – wie ich – gerade erst gespritzt hast. Liebe ich eine Frau, habe ich kein Problem damit, sie, nach dem ich gekommen bin, auf jede erdenkliche Art und Weise zu befriedigen. Liebe ich sie nicht, widert es mich an.

„Du musst jetzt gehen, Kleines.“, sagte ich. Nein, das sagte ich nicht. Natürlich nicht. Ich schmeiße doch kein Mädchen, keine Frau mitten in der Nacht hinaus. Ich schmiss stattdessen Klaus Manns Autobiographie „Am Wendepunkt“ in den Spieler und schlief nach ein paar Kapiteln, die im aufregenden Berlin der zwanziger Jahre spielten, ein. Ich hörte wie sie am nächsten Morgen aufstand, sich duschte, anzog, doch ich stellte mich wieder einmal schlafend.
 
An meiner Wohnungstür pinnte von innen ein Zettel.
Zeig ihn mir irgendwann, den Mann auf dem Foto …, hatte sie mit Lippenstift draufgeschrieben. Ich strich das „mir“, ersetzte es durch „dir“. Er hängt noch heute da. Es gab noch keinen Grund ihn abzunehmen.

Diskussionen

24 Antworten zu “Der Blues der dritten Jahreszeit: Wo ist er hin, der Mann auf dem Foto?”

  1. Aber das ist doch jetzt schon Geschichte, Oli. Wann war denn das?

    Geschrieben von Aca | 27. November 2012, 16:11
    • Vor circa vier Monaten.

      Geschrieben von Oliver Flesch | 27. November 2012, 16:38
      • Oh! Aber du bist doch jetzt mit der Süssen zusammen, mit der aus dem P-Kino, oder? Und das zeigt doch, dass sich trotz Blues alles sogar innerhalb kürzester Zeit wieder vollkommen verändern kann, und dass das Leben auch für die immer wieder Überraschungen bereit hält, die sich am Anfang oder im Herbst des Lebens befinden. In Zeiten der Trauer oder des Selbstzweifels sollte mann halt grundsätzlich keine neuen Geschichten anfangen, und schon gar nicht irgendwelche Halbherzigen, die sollte man eh am besten immer lassen, denn da wird selten etwas grossartiges und schönes draus. Aber ich finde es süss zu sehen, dass du so liebesbedürftig bist, und das du das als Mann auch noch zugeben kannst, denn das können nur die wenigsten Männer, und übrigens auch die wenigsten Frauen.

        Geschrieben von Aca | 27. November 2012, 17:16
      • na, Aca, glaubst Du, dass er so eremitisch lebt? ich mein, vor vier Monaten. Eine halbe Ewigkeit. Hoffentlich wieder plus 1, 5 Zentimeter Bizeps (mindestens!). Und einer anderen Frau.

        Geschrieben von Karla | 27. November 2012, 17:33
      • Was sind denn schon 4 Monate, Karla? Aber früher hätte ich das auch noch für eine lange Zeit gehalten. Mittlerweile sind es 4 Jahre, die ich ohne Sex mit einer Frau verbringe, bis auf eine kurze Affäre von zwei Wochen zwischendurch, und ich bleibe dabei. Ohne Liebe gibt Sex meiner Seele nichts, was ich nicht schon hätte. Und ich bin weder ein Eremit, noch braucht man mich deswegen zu bemitleiden. Ich weiss was ich tu, und ich weiss was ich will, und wenn es das nicht gibt, dann bleibe ich bis zu meinem Tod lieber allein, als einer Frau und mir nicht das Geschenk zu machen, was sie und ich, und meiner Meinung nach alle und jeder verdient haben. Unrealistisch, vielleicht, aber es gibt da etwas über der Realität, etwas, was man mit Worten nur schwer erklären kann, doch jeder der es kennt weiss, wovon ich rede.

        Geschrieben von Aca | 27. November 2012, 18:31
  2. Der letzte Abschnitt ist wirklich sehr bewegend…

    “Na ja, alles vielleicht nicht. Selbstsicher, das bin ich schon. Sehr sogar. Aber stark? Nicht wirklich. Der Grund dafür liegt wie so oft, wie bei so vielen, in meiner Kindheit und Jugend. Die Zeit in der sich Stärke und Selbstbewusstsein bildet. Meine Eltern – mein Vater vor allem – so erklärte ich ihr, haben mich stets aus allem herausgeboxt, ich brauchte nicht stark zu sein, ich musste nicht kämpfen, nie wirklich für meinen Shit geradestehen.”

    Zusätzlich aber noch ganz besonders dieser Abschnitt, vielleicht auch weil er mich an mich selber erinnert? So ging es mir auch, bis ich die letzten Monate ins kalte Wasser geschmissen wurde und stark sein gelernt habe, lernen mußte! Und jetzt muß ich gerade an “Viertel vor sieben” denken…

    Geschrieben von Melanie Habermann | 27. November 2012, 16:26
  3. Ach Olli….

    Geschrieben von waldmonster | 27. November 2012, 17:00
  4. Danke für die Geschichte.

    Geschrieben von moonray | 27. November 2012, 17:05
  5. Herrlich. Ich mag den Dosenöffner zum Artikel, quasi als Abstraktion des Autors. Und wenn er nur eine Hundertstelsekunde vom Menschen einfängt…reicht es doch….wir sind ja nicht schwarz-weiss.

    Wobei, das mit dem Bizeps: da kannste ja dran arbeiten ;)

    Geschrieben von Karla | 27. November 2012, 17:23
  6. Ich liebe die Liebe, mit allen drum und dran, mit allen facetten, mit den Schmetterlingen, mit den Tränen wenn sie geht! Es gibt nicht individuelleres wie die Liebe, sie hat nie das gleiche Gesicht, nie das gleiche Gewand und doch ist sie prägend, unvergesslich, einbrennend! Liebe ist essentiell! Alles wird gut! ;)

    Geschrieben von linda | 27. November 2012, 22:01
  7. Fragt sich wer dein 18-Tonner war… Und wo deine Bibel liegt. Bzw. die “Momma” die sie dir vorliest. Wenn du das weißt, kommt er zurück – wahrscheinlich…

    Geschrieben von Mike | 27. November 2012, 23:39
  8. Und aus diesem Grund zeige ich meiner Freundin deine Seite NICHT…denn falls sie mit mir Schluß macht, weiß ich genau in welchem Bett sie landet… und dann hätten wir zwei ein Problem und das möchte ich um jeden Fall verhindern :)
    Denn wenn es jemand geileren gibt als mich, dann bist du es!!!!

    Geschrieben von Royber | 28. November 2012, 02:26
  9. WOW, das ist mal wieder ein Text, der mich richtig ” flescht “, ich hab alles gesehen, wie ein alter Film, so in der Art wie ” Die Katze auf dem heissen Blechdach ” ! So echt und nah….

    Geschrieben von nadjasgedankenalbum | 28. November 2012, 11:12
  10. Der Song ist gut.

    Geschrieben von FRAMER | 28. November 2012, 12:55
  11. Gerne gelesen
    Den Mann auf dem Foto gibt es.
    Er wird sich Dir zeigen wenn er neben Deiner Frau steht

    Geschrieben von Bianca | 28. November 2012, 22:09
  12. …richtig gut !!
    Macht einfach RIESEN Spaß Deine Artikel zu lesen….aber die Krönung wäre ein Buch, ein Buch geschrieben von Dir mein Freund.
    i.d.S. mach weiter so….
    Tayfun

    Geschrieben von Tayfun | 4. Dezember 2012, 21:27

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