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Coole Säue, Gute Momente, Popkultur

Der Tag, an dem ich beinahe Elvis traf …


Die „Fan Fair“ in Nashville-Tenneesse ist eine Mischung aus Musikfestival und Messe.
Eine Woche lang singen die großen Sterne der amerikanischen Volksmusik in einem Stadion. In den Hallen auf dem angeschlossenen Messegelände haben alle Künstler einen Stand, an dem man mit ihnen in Kontakt kommen kann.

Sogar Elvis. Moment: Elvis? Was macht der denn hier? Ist der nicht längst tot? Fuck, ich bekomme auch nix mehr mit!
Da der King verhindert ist, müssen Scotty Moore und DJ Fontana aushelfen. Was für einen alten Elvis-Mann wie mich eine große Sache ist. Die beiden waren in den ganz frühen Tagen Elvis’ Begleitmusiker.

In einer Stunde sollen die beiden kommen. Der Himmel über der Arena ist so blau, wie man ihn sonst nur von Kitschpostkarten kennt. Es ist verdammt heiß. Der Duft gegrillter Spareribs liegt in der Luft. Neil McCoy schluchzt gerade sein wehmütiges No Doubt About It als mir ein Reporter ein Mikrofon unter die Nase hält. Er spricht schnell, viel zu schnell für mich, hält mir das Mikro, ohne meine Antwort abzuwarten, immer nur für einen Sekundenbruchteil hin.

„Schicker Sonnenbrand!“

„Äh, wie bit…?“

„Schicker Sonnenbrand!“

„Ja, weißt du, ich komme aus Deutschland und mein Englisch ist nicht so wirklich …“

„Interessant. Schon mal was von Hautkrebs gehört, Mann?“

Und schon ist er wieder weg. Für wen die Aufnahmen wohl waren? Zum Glück werde ich es nie erfahren.

Als ich mich als Reporter aus Deutschland zu erkennen gebe, nehmen sich die beiden Elvismänner eine Menge Zeit.
„Ich wollte mir damals eigentlich nur Geld fürs Mittagessen zusammenspielen“, erinnert sich Scotty in einer klimatisierten Stretchlimousine auf dem Parkplatz vor der Messe.

Moore ist kein großer Redner, Interviews mag er nicht. Aber er spielt mit, weil er weiß, es geht noch ein letztes Mal um alles. Er hat gerade ein frisches Album draußen – „All The King’s Men“ – das erste seit über dreißig Jahren. Keith Richards, Ron Wood und Jeff Beck rissen sich drum, mit dem Mann dessen Gitarre „die Welt veränderte“, wie sein einziges Soloalbum hieß, zu spielen.

„Ich glaube, wir begriffen damals gar nicht, dass wir einen neuen Stil erfunden hatten. Wir hörten Songs im Radio und spielten sie auf unsere Art nach. Wir jamten in meinem Wohnzimmer. Und Elvis kannte jeden gottverdammten Song – Country, Pop, Rhythm & Blues, egal. Aber seine Stimme haute mich damals, 1954, nicht um, er war einfach noch zu jung.“

Beim abschließenden Händedruck fällt mir noch ein, dass Moore Elvis in jungen Jahren mit Marihuana versorgt haben soll. Stimmt das?
„Bullshit, ich habe noch nie Drogen genommen. Und wenn Elvis in unserer gemeinsamen Zeit welche nahm, hat er das gut versteckt. Doch als er in den Siebzigern so fett wurde, wusste ich, dass irgendwas nicht stimmte. Seine Selbstverliebtheit hätte so etwas nie zugelassen.“
„Weißt du“, sagt er und lächelt noch einmal genauso entrückt wie früher auf der Bühne, „der King war einfach viel zu eitel um in Würde zu altern.“

Informationen über einen Menschen, den ich schon so lange verehre aus erster Hand zu bekommen, gibt mir ein prächtiges Hochgefühl. Was allerdings nicht lang anhält. Denn zurück in der Arena, sehe ich meine bescheuerte Fresse auf einer Videoleinwand, groß wie die Front eines Einfamilienhauses! Mein Gestotter ist unerträglich, muss hier schnellstens weg. Habe das Gefühl, jeder, wirklich jeder, guckt mich an und denkt: „Ach, das ist doch der erbarmungswürdige Trottel mit dem Hautkrebs.“

Diskussionen

6 Antworten zu “Der Tag, an dem ich beinahe Elvis traf …”

  1. schoen das du von ihm schreibst an seinem Todestag !!!! Gleich mal eine CD einlegen;)))

    Geschrieben von Sylvia Stoerk | 16. August 2012, 12:07
  2. Sehr schöner Text!
    War echt ein toller Sänger und zu seinen besten Zeiten sehr, sehr hübsch…
    Ich hab’ ihn leider nicht kennenlernen können; ich war erst drei Monate alt, als er starb…
    ;-)

    Geschrieben von Sonja Lindenbaum | 16. August 2012, 14:46
  3. Überragender Künstler, ganz klar. Ich bin zwar kein Rock’n Roll Fan, aber ein paar seiner Stücke landen immer wieder in meinem Kopfhörer.
    Aber peinliche Aktion deinerseits ;-) Mal gucken wie ich mich heute als Hamburger in Berlin schlage, vermutlich genauso :-D

    Geschrieben von Zbigniew Bober | 16. August 2012, 19:07
  4. Der Mann hat eine Stimme, die ihm Gott höchstpersönlich eingepflanzt haben muss, während er sagte : You’re the man. Richtig, richtig heftiger Gänsehauteffekt!
    Ich bekomme immer wieder Gänsehaut, wenn ich diesen Eintrag lese…

    Geschrieben von Gerd | 20. August 2012, 09:54

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